Die Evolution der bösen Zwerge

14. Dezember 2002, 11:39
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Michael Crichtons schaurige Visionen der schönen neuen Nanowelt

Immer auf der Höhe seiner Zeit, begibt sich der amerikanische Bestsellerautor Michael Crichton nun von den ganz großen Monstern des Jurassic Park ins das Reich der unsichtbaren kleinen Bösewichte. Zusammen mit der Gentechnologie ist es die Nanotechnologie, die dem modernen Menschen allerlei phantastische Versprechungen macht. Mini-Roboter werden künftig unsere Adern nach pathologischen Veränderungen durchforsten und bei Bedarf auch gleich chirurgisch einschreiten, sie werden putzen, speichern und natürlich auch kämpfen lernen.

Wenn diese Moleküle, durch Bakterien verbessert, und mit künstlicher Basisintelligenz ausgestattet, in die Hände eines börsenabhängigen, vom Pentagon beauftragten Zauberlehrlings geraten, kann sich der thrillergeeichte Crichton-Fan ausdenken, wohin das führt. Die Nanopartikel, die da aus einem Forschungsgebäude mitten in der Wüste entweichen, verhalten sich wie Schwärme in der Natur. Sie haben keine Anführer und agieren dennoch zielgerichtet. Allerdings mutieren sie viel schneller als normale Lebewesen und sie lernen schneller dazu. Es passiert das, was in der Natur auch geschieht: die Co-Evolution von Beute und Beutegreifer. Indem die Beute versucht, sich den Verfolgern durch allerlei Tricks zu entziehen, fördert sie damit zugleich die weitere Entwicklung der Verfolger, die sich aufgrund schlauer werdender Beutetiere immer klügere Jagdstrategien ausdenken müssen.

Die Miniroboterwolke bekommt auf diese Art die Qualität des guten alten wabernden Gespenstes, das durch Türen und Fenster hereinkommen und praktisch nicht zerstört werden kann. Nicht genug damit, die schwarzglänzenden Schwärme haben auch noch gelernt, sich selbst zu reproduzieren. Das tun sie in einer Höhle, die von den Helden mit entsprechenden Knalleffekten ausgeräuchert werden muss.

Wie immer hat Crichton genau recherchiert, um auf den naturwissenschaftlichen Fakten seine effektreiche Fiktion so geschickt aufsetzen zu können, dass die Grenzziehung schwer fällt. Dem Roman ist ein didaktischer Zug eigen, auch was die eher einfach gestrickte Moral der Geschichte anlangt. Die Warnung vor außer Kontrolle geratenen Forschungsergebnissen hat immer Saison, ein Plädoyer für Technikfolgenabschätzung kommt gut an.

Irgendwie bleibt aber der Schwarze-Wolke -Zauber blass. Gruselige Nanobrutstätten, schaurig wabernde Menschenkopien, aufgelöste Leichen, die von den Minirobotern über die nächtliche Wüste geschleppt werden, invasive Organismen, welche die Hülle der Menschen zur Tarnung benützen und nur einen todkranken Zombie zurücklassen, das alles entstammt dem Repertoire des bewährten Horrorfilms, mehr nicht. Aber es ist perfekt durchkomponiert und immer noch hinreichend spannend, um damit die Feiertage zuzubringen. (Ingeborg Sperl, ALbum, DER STANDARD, Printausgabe vom 14./15.2002)

Michael Crichton, Beute.
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
€24,96/441 Seiten.
Blessing Verlag, München 2002
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    foto: buchcover
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