Der Glühbirne des Verstandes ein Flackern entlocken

14. Dezember 2002, 00:48
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Wo andere die Atome zu kennen glaubten, blieb er bei einer verzaubernden Alchimie: Nun erzählt der 75-jährige Gabriel García Márquez aus seinem Leben.

Am Samstag, dem 18. Februar 1950, reist eine 45-jährige, weißhaarige Frau mit einem ihrer elf Kinder, einem Kettenraucher und Bordellbesucher, der sich mühsam mit kleinen Zeitungsartikeln über Wasser hält, von der karibischen Küstenstadt Barranquilla nach Aracataca, einem trostlosen Tropendorf, um das morsche Haus ihrer Eltern zu verkaufen. Auf dieser beschwerlichen Reise mit Flussdampfer und Eisenbahn versucht die Mutter, ihren ältesten Sohn. 23 Jahre alt, zu überreden, sein Jus-Studium wieder aufzunehmen oder wenigstens irgendein akademisches Diplom zu erwerben. Dem Sohn bricht fast das Herz. Doch er bleibt hart wie die Mutter, Tochter aus armem Haus, die aber Klavier spielen kann und gegen den Willen ihrer Eltern einen noch ärmeren, doch liebenswürdigen Frauenhelden heiratete, der sein Studium ebenfalls abgebrochen hatte, um seine stetig wachsende Familie erst mit den Einkünften eines Telegrafisten, dann mit dem eines Apothekers und der göttlichen Vorsehung zu ernähren. Die Mutter heißt Luisa Santiaga Márquez, ihr Mann Gabriel Eligio Garda - ihr gemeinsamer Sohn sollte berühmt werden unter dem Namen: Gabriel (José de la Miserecordia) García Márquez. Kurz: GGM.

Auf dieser eben erschienenen autobiografischen Reise in die Vergangenheit tauchen eine Bahnstation ohne Dorf auf, die Macondo heißt, ein Großvater Oberst Nicolás Márquez, der in einem Ehrenhändel einen Mann erschoss und sein Leben lang auf die Veteranenpension wartet, eine Frau, deren Sohn aus Hunger in ein Haus in Aracataca einbrach und von einer verängstigten Frau durch die noch geschlossene Tür erschossen wurde, bevor er noch seufzen konnte: ,,Ach, Mutter!"

Wer die Bücher von GGM kennt, denkt sofort an die Romane Hundert Jahre Einsamkeit, Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt, Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Laubsturm, an die Erzählung In diesem Dorf gibt es keine Diebe ... ein funkelndes Universum, erschaffen allein aus der Fantasie des Autors? Eines Genies?

In Barranquilla, aber auch Cartagena, wo GGM als junger Mann abwechselnd lebte, in winzigen Buden, auch in Bordellen, und für diverse obskure kleine Zeitschriften arbeitete, habe er nicht an den Ruhm gedacht noch an ,,Geld oder an das Alter, weil ich sicher war, jung und auf der Straße zu sterben," erzählt er rückblickend auf die ersten Schreibversuche. Sie alle scheiterten, nicht bloß deshalb, weil der Maturant keine Ausbildung hatte, sondern vor allem, weil er bis dahin versucht habe, wirklich alles mit der alleinigen Kraft seiner Fantasie zu erschaffen, ohne seine persönlichen Erfahrungen mit einfließen zu lassen und obendrein noch andere Autoren regelrecht kopierte (was man den frühen Erzählungen, teilweise abgedruckt in Augen eines blauen Hundes anmerkt - er schwankt zwischen der Hermetik eines Kafka und den Monologen eines Faulkner).

Die Reise nach Aracataca erwies sich als entscheidender Wendepunkt im Schaffen des später so erfolgreichen Autors. Doch Vorsicht: In der Kunst des GGM geht es keineswegs um schlichte Biografien oder exakt nachprüfbare historische Ereignisse. Zentral ist die poetische Wahrheit, oder anders ausgedrückt: Figuren und Handlungen muss man unter den Bogen einer Idee spannen, um die herum ein guter Schriftsteller das ,reale Leben' gruppiert. - Deutlich wird das z. B. bei der Schilderung des Gemetzels in Aracataca, wo das Militär 1927 gegen Streikende der United Fruit Company vorging, was nach späterer Meinung der einen Partei einen Blutzoll von 100 Toten gefordert habe, nach Meinung der anderen viel weniger, ja gar keinen - je nach politischem Gedächtnis der Beteiligten. In den Büchern des Autors tauchen stets an die 3000 Tote auf, ,,um die epischen Dimensionen des Dramas zu wahren", wie er bemerkt, zumal die amtlichen Berichte wie durch Zauberei verschwunden waren.

Literatur als politisches Manöver? Betrug? Geschichtsfälschung? Vorsicht! Denn die Wirklichkeit zögerte nicht, dem Erfinder der ,Lügen' viele Jahre später Recht zu geben: Vor kurzem erst bat ein Redner im kolumbianischen Senat am Jahrestag des Massakers um eine Gedenkminute - für 3000 Märtyrer.

Wohl die Exotik der Schauplätze und die langen und fremden Namen haben bei vielen deutschsprachigen Lesern den Eindruck geweckt, die eigene Biografie spiele in der Literatur des GGM keine große Rolle - kaum ein Roman, aus dem man so ohne weiteres Rückschlüsse auf sie ziehen könnte. In den Memoiren kommen diese Dinge doch zur Sprache, wenn auch mit einer schalkhaften Warnung, die bereits im Prolog steht: ,,Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern."

Der Kolumbianer erzählt erstmals von seiner eigenen Kindheit und Jugend, seiner furchtbaren Schüchternheit bei öffentlichen Auftritten, seinen Lastern, dem Rauchen und den Frauen, seiner Schwierigkeit mit der Orthografie, aber auch von den sich wandelnden, doch gleich bleibenden politischen Verhältnissen in seiner Heimat und seinen vielen Journalistenfreunden jener Zeit (manchmal vielleicht zu ausführlich), auch vom Ringen mit Stoffen und Themen, seinem wahnhaften Perfektionismus. Was seinen ersten Memoirenband von vielen europäischen Autoren mit ähnlichem Unterfangen wohl unterscheidet: Man hat als Leser nie das Gefühl, ihn wirklich nackt zu sehen, was wohl mit dem hohen Maß an Stilisierung zusammenhängt. Sicher, auch so unterschiedliche Autoren wie z. B. Maguerite Duras oder Thomas Bernhard stilisieren enorm, aber ihre metaphernarme Sprache vermittelt einem zumindest den Anschein großer Nähe. Wenn einmal die Totenglocken für GGM läuten - er ist nun 75 Jahre alt - wird zumindest der kalte Schweiß des Todes ein hauchdünnes Hemd sein, das die Engel ihm in göttlicher Vorsehung im Schatten von Mandelbäumen zum Schutz vor der letzten Blöße weben. Und ich werde dann an die Türken denken, Metapher für die Muslime, die bekanntlich ohne Sarg beerdigt werden.

In unseren Breiten wirft man GGM oft vor, altmodisch zu erzählen. Viele Autoren hierzulande denken ja längst in Atomen. Da bin ich misstrauisch, weil die meisten dieser Oberflächen-Ritter nicht einmal wissen, ob der Batteriestrom von plus nach minus fließt oder umgekehrt, während GGM angeblich noch in Substanzen der Alchimie denkt. Wenn wir tot sind, werden wir uns vielleicht klar werden, wer das Geheimnis der Schöpfung seinen Zeitgenossen besser verständlich gemacht hat. Denn diese anzudeuten, das war und ist das Prinzip des GGM. Das verlangt geradezu nach dem Einsatz einer metaphorischen Sprache, ist sie doch bei überlegtem Gebrauch kein Zierat, sondern ein Mittel, der Glühbirne des Verstandes wenigstens ein flackern zu entlocken, wenn es um Unsagbares geht und der Autor nicht bei der Oberflächenbeschreibung des Nouveau Roman und seinen Spielarten stecken bleiben möchte. Die sind GGM durchaus bekannt, seit er in einem Pariser Hotelzimmer halb verhungert auf einen Scheck aus Kolumbien wartete, während er an einem Roman arbeitete - Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt - und sich das Schicksal seines Großvaters im Kleinen zu wiederholen schien. Wer ist da altmodisch? Sind mathematische Gleichungen nicht auch wunderbare Metaphern - jedenfalls für den, der sie zu lesen versteht?

Im Universum, das der kolumbianische Gigant einfängt, meist vor dem Hintergrund eines karibischen Himmels oder dem grauen Nieselregen von Bogotá, verbindet er das Mythische mit dem Wissenschaftlichen, das Religiöse mit dem Profanen, das Menschliche mit dem Göttlichen wie ein Naturwissenschafter, der die Mechanik eines Newton hinter sich gelassen hat und sich Gedanken über das Gedächtnis des ,lebendigen Wassers' macht oder die Kommunikation der Steine im Zen-Garten unter Berücksichtigung der Quantentheorie.

Ein Geheimnis des gewaltigen Erfolges von GGM ist wohl, dass er unsere Welt stets umarmt, weil wir nur eine Welt kennen, die man beschreiben kann, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln. Falls es einen Dichter vom Format des Nobelpreisträgers von 1982 eines Tages nicht mehr geben sollte, falls jemand über so einen Zauberer in Verkennung seiner Magie die Nase rümpft, sollte er sich im Beichtstuhl seines Gewissens fragen, was er sonst denn ach so ,Modernes' lesen kann, ohne vor Scham zu erröten, und sich prüfen, ob er wenigstens weiß, in welche Richtung der Batteriestrom fließt. In Verdrehung des Kontextes erlaube ich mir, mit dem letzten Wort eines gewissen Obersten zu antworten: - Mierda. (Gabriel Loidolt, DER STANDARD, Album, Printausgabe vom 14./15.12.2002)

Gabriel García Márquez
Leben, um davon zu erzählen.
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz.
€ 24,90/ 604 Seiten.
Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2002.
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    Gabriel García Márquez

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