Die Rettung der bulgarischen Juden

20. Oktober 2003, 12:35
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Bulgarien widersetzte sich als einziges unter deutscher Vorherrschaft stehendes Land der von Hitler verlangten Deportation der Juden nach Auschwitz. Erreicht wurde dies durch die Zivilcourage eines einzelnen.

Der Rechtsanwalt Dimitar Pesev, ein Konservativer alter Schule, war wie viele seinesgleichen über die chaotischen Zustände in der bulgarischen Politik der 1920er-Jahre verzweifelt. Zwar schien ihm der Militärputsch von Velcevs "Zveno", durch den die Parteien entmachtet wurden, ein richtiger Schritt, doch lehnte er die von Teilen der Offiziere geforderte Republik ab. Als "Zveno" den Monarchisten weichen musste und Zar Boris die nahezu unbeschränkte Macht auszuüben begann, folgte Pesev Ende 1935 dem Ruf des vom König bestellten Ministerpräsidenten Kjoseivanc und wurde Justizminister. In dieser Funktion geriet er sehr bald mit seinem Versuch, den Zwang zur kirchlichen Eheschließung durch Einführung der Zivilehe zu beenden, mit der orthodoxen Kirche in Konflikt.

Schon dies verärgerte den Zaren. Aber vollends unbequem wurde der Justizminister, als sein Rechtsbewusstsein dem Putschisten Velcev das Leben rettete. Der neue Kriegsminister General Lukov hatte die Militärliga (obwohl er ihr selbst angehört hatte) auflösen und seinen persönlichen Rivalen Velcev von einem Militärgericht zum Tod verurteilen lassen.

Die Vollstreckung des Urteils lag jedoch beim Justizministerium, doch musste damit gewartet werden, bis der König über ein Begnadigungsgesuch entschieden hatte. Pesev, obwohl Königsanhänger, war überzeugt, dass die Hinrichtung zu einer unüberbrückbaren Spaltung zwischen Monarchisten und Republikanern geführt hätte. Durch eine geschickte Verzögerungstaktik und mit der Drohung, die Vorgangsweise des vom Regierungschef gedeckten Kriegsministers zum öffentliche Skandal werden zu lassen, zwang er Boris III., das Urteil in lebenslange Haft abzuändern. Pesevs Ministeramt war damit freilich rasch zu Ende.

Trotz seiner autoritären Staatsführung ließ der Zar zusammen mit seinem Premier Kjoseivanc 1937 wieder ein Parlament zu. Für dieses aber durfte nicht mehr in Parteilisten, sondern nur über einzelne Kandidaten abgestimmt werden. Diese Volksvertretung war im Grunde nur eine Fassade für das Regierungssystem. Wohl gab es im Parlament auch oppositionelle Abgeordnete, doch sie besaßen keinerlei reale Möglichkeit der politischen Einflussnahme.

Im März 1938 wurde Dimitar Pesev als Abgeordneter seines Heimatorts Kjustendil (nahe der jugoslawischen Grenze) ins Parlament gewählt. Pesev bekannte sich zwar als Anhänger der die Regierung unterstützenden Mehrheit, war aber über die vom König 1940 beschlossene Ablöse des doch mitunter selbständig handelnden Premiers durch den Boris völlig ergebenen Filov verärgert. Boris III. und sein neuer Regierungschef erhofften sich nach den deutschen Siegen über Polen und Frankreich von Hitlers "Neuer Ordnung" eine Revision der bulgarischen Staatsgrenzen. Diese Politik, die bei den meisten Bulgaren, egal welcher Richtung, aus patriotischen Gründen begrüßt wurde, fand auch bei Pesev Zustimmung. 1940 wurde Pesev zum Vizepräsidenten der Nationalversammlung gewählt.

Hitler hatte von König Boris auch die Erlassung antijüdischer Gesetze gefordert. Nun hatte Antisemitismus in Bulgarien kaum Tradition. Die Juden waren mit rund 48.000 nur eine kleine Minderheit, und die meisten von ihnen fühlten sich als Bulgaren; sie waren vor allem Handel-und Gewerbetreibende und voll in die Gesellschaft integriert. Zu dem in anderen Ländern verbreiteten Konkurrenzneid bestand auch in akademischen Berufen kaum Anlass.

Am 19. November 1940 überraschte Innenminister Petar Gabrovski das Parlament mit einer Gesetzesvorlage "zur Wahrung der Reinheit der Nation", das diskriminierende Maßnahmen gegen die Juden enthielt. Gabrovski, Freimaurer und noch vor wenigen Jahren im Dienst begüterter Juden, beschuldigte die Juden des "Kosmopolitismus" und nur an der Mehrung ihres Kapitals interessiert, was sie zu einer Gefahr für die nationalen Ziele Bulgariens mache.

In dem Gesetz wurden den Juden alle politischen Rechte aberkannt, sie durften nicht mehr Beamte sein und in der Armee dienen, Ehen mit nichtjüdischen Personen wurden ebenso untersagt wie die bisher häufig geübte "Bulgarisierung" ihrer Familiennamen durch Anhängung der Silben "-ov" oder "-ev" etwa an "David" oder "Levi". Sie durften nachts nicht mehr ausgehen, sollten auf ihrer Kleidung einen kleinen gelben Stern tragen und ihre Wohnungen kennzeichnen. Die Abgeordneten stimmten ganz offenkundig in der Absicht zu, sich damit das Wohlwollen Berlins für Bulgariens nationale Wünsche zu erkaufen, und das Gesetz wurde im Jänner 1941 vom König gegengezeichnet.

Vorerst wurden die im Gesetz angedrohten Maßnahmen nicht rigoros durchgeführt. Die orthodoxe Kirche stellte vielen Juden Zeugnisse aus, dass sie getauft worden seien - damit waren sie von den Gesetzen ausgenommen. Das änderte sich allerdings rasch, als die Achse Bulgarien die Okkupation Makedoniens und Thrakiens übertrug. Dabei wurde vereinbart, dass die Juden in diesen Gebieten keine bulgarischen Staatsbürger werden konnten.

Nach den Beschlüssen der Wannseekonferenz verlangte Berlin die Umsiedlung der Juden in Gettos, und das Parlament erteilte der Regierung im August 1942 alle Vollmachten für das weitere Vorgehen. Jüdisches Eigentum wurde beschlagnahmt, die Juden von Sofia wurden aus der Hauptstadt ausgewiesen, die meisten Männer wurden in Arbeitsbataillone einberufen und in Lagern, Frauen und Kinder in Provinzdörfern untergebracht.

Im Oktober 1942 kam aus Berlin der Befehl zur Deportation der Juden aus den besetzten Gebieten (ungefähr 12.000) nach Polen. In der Regierung wusste man, dass auch den altbulgarischen Juden dieses Schicksal drohte, und man versuchte dies der Öffentlichkeit, auch dem Parlament, zu verheimlichen. Eichmanns Bevollmächtigter Theodor Dannecker vereinbarte mit dem Innenministerium, für den ersten Transport 20.000 Personen bereitzustellen, also bereits auch bulgarische Staatsbürger einzubeziehen.

Im März 1943 sollte der erste Transport aus Kjustendil abgehen. Die mit dem Abgeordneten Pesev befreundete jüdische Familie Baruch wandte sich an diesen um Hilfe, und ihm wurde dadurch erst bewusst, dass ein ihm bis dahin unvorstellbares Verbrechen seinen Lauf nehmen sollte. In einem dramatischen Wettlauf mit der Zeit gelang es Pesev zunächst an der Spitze einer Delegation aus Kjustendil, den Abtransport auszusetzen.

Pesev als Vizepräsidenten der Nationalversammlung war bewusst, dass er als Mitglied der regierungstreuen Parlamentsmehrheit handeln musste - als Oppositioneller wäre er nicht gehört worden. Er verfasste ein Manifest an den Ministerpräsidenten, in dem es hieß: "Anders als einige Gerüchte zum Schaden der Regierung nahelegen, können wir nicht glauben, dass es Pläne gibt, diesen Teil der Bevölkerung aus Bulgarien (die Juden, M.S.) zu deportieren... Es wäre ein unwürdiger Schandfleck auf der bulgarischen Ehre, eine schwere Last in moralischer, aber auch politischer Hinsicht..."

Der Brief wurde binnen weniger Stunden von 42 Abgeordneten der Regierungsfraktion unterschrieben. Premier Bogdan Filov ging im Parlament zum Gegenangriff über. Er unterstellte Pesev, jüdisches Geld genommen zu haben, und forderte die Abgeordneten auf, ihre Unterschrift zurückzuziehen. Etliche beugten sich, und eine Mehrheit stimmte für die Enthebung Pesevs als Vizepräsident.

Noch war der Kampf nicht gewonnen, doch der Akt der Zivilcourage Pesevs, der der Öffentlichkeit nicht verborgen blieb, gab König Boris zu denken, zumal um diese Zeit das Debakel der Deutschen in Stalingrad eintrat. Am 31. März 1943, bei einem Treffen mit Hitler und Ribbentrop, verweigerte er die Auslieferung der bulgarischen Juden mit dem Hinweis, er brauche sie für den Arbeitseinsatz. Der Deportation der makedonischen und thrakischen Juden hingegen stimmte er zu.

Pesevs Initiative hatte auch dem jüdischen Konsistorium Mut gegeben. Am 24. Mai, dem hohen Feiertag für die Slawenapostel Kyrill und Method, organisierte der Rabbiner Cion mit von in Sofia verbliebenen Juden und kommunistischen Sympathisanten eine Protestdemonstration; die Polizei verhinderte deren Marsch zum Königspalast und deportierte die Teilnehmer in die Provinz. Nun aber wagte der orthodoxe Metropolit Stefan, wozu Papst Pius XII. nie den Mut hatte: Er heftete sich den Davidstern an, nahm die Juden vor der Kathedrale in einem Gottesdienst in Schutz und mahnte König Boris in einem Brief, die Juden nicht zu verfolgen, weil ihn Gott sonst dafür zur Rechenschaft ziehen werde. Er forderte die Abschaffung der Judengesetze und die Beendigung der Verfolgung: "Durch diese edle Geste wird Eure Majestät ... es unserem Vaterland erlauben, sich nicht durch ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschheit zu beflecken."

Die folgenden Monate betrieb die Regierung gegenüber den deutschen Forderungen, die "Aussetzung" der Maßnahmen zu beenden, Verzögerungstaktik; sie konnte sich der öffentlichen Stimmungslage nicht mehr entziehen. Zwar blieben die Juden noch Monate in den Provinzdörfern und den Arbeitslagern, aber Deportationen gab es nicht. Am 31. August 1944 wurde die antijüdischen Gesetze aufgehoben.

Eine oberflächliche Geschichtsschreibung pries König Boris III. als den Retter der bulgarischen Juden; der Mann, dessen Zivilcourage diese an ein Wunder grenzende Wende ausgelöst hatte, blieb unbedankt. Die Kommunisten nahmen seine Tat insofern zur Kenntnis, als sie ihn im großen Nachkriegsprozess gegen die Regierungspolitiker nicht (wie die meisten Angeklagten) zum Tode, sondern "nur" zu 15 Jahren Kerker verurteilten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.12. 2002)

Literatur:
Gabriele Nissim: Der Mann, der Hitler stoppte. Siedler Verlag, Berlin 2000.
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