Ästhet der offenen Form

13. Dezember 2002, 21:39
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Dem Pianisten Misha Mengelberg, einem Altmeister des freien Spiels, ist beim Phonomanie-Fest eine Personale gewidmet

"Diese Gesten, die sich als Konsequenz aus der Musik ergeben, die können auch merkwürdig wirken und zum Lachen animieren. Aber so ist es nicht geplant. Es geht fast von selbst. Ich lasse das Leben und den Alltag in der Musik zu. Wenn ich Klavier spiele, fühle ich mich wie ein Mann, der ein Fahrrad repariert."

Eine Unterhaltung mit Misha Mengelberg muss zwangsläufig an jenem bestimmten Punkt anlangen: Bei der Frage, was es denn mit dem Humor in der niederländischen Improvisationsmusik auf sich habe, die in den 60er-Jahren, als sich die europäischen Jazzer von der bloßen Imitation ihrer amerikanischen Vorbilder abwandten, zum musikhistorischen Gemeinplatz wurde.

"Ich habe das immer für eine Art Mythos gehalten", entgegnet Mengelberg. "Unsere Musik hatte befreiende Wirkung, und die Leute lachten dann und dachten, das sei Humor." Mengelberg muss es wissen, stand er doch als Mitbegründer des Instant Composers Pool (1967) an der Wiege jener Strömung der improvisierten Musik.

"Instant Composing"

"Instant Composing", vom Fluxus-Begriff der Instant Poetry abgeleitet, das stand für spontane Expression abseits des vermiedenen Wörtchens Jazz und betonte die nur graduelle Differenz zwischen improvisatorischer Methode der Musikproduktion und deren gleichsam verlangsamter kompositorischer Variante. Im Gegensatz zu seinen Mitstreitern Willem Breuker und Han Bennink kannte der 1935 geborene Großneffe Willem Mengelbergs beides:

Hatte er doch gemeinsam mit Louis Andriessen in Den Haag Komposition studiert. Und war er durch Eric Dolphys frühes Ableben 1964 auch als Jazzpianist international bekannt geworden: Schließlich saß beim letzten Konzert Dolphys, das bald als "Last Date" vermarktet werden sollte, Mengelberg am Piano. "Was nicht humoristisch ist, ist jedenfalls der Versuch, etwas humoristisch zu tun. Da bin ich streng." Mengelbergs Bevorzugung offener, von der Chaostheorie inspirierter Formen, gefördert durch die Begegnung mit John Cages meditativer Winter Music 1958 in Darmstadt, brachte ihn bald auch in Gegensatz zu einem berühmten Kollegen:

Während Willem Breukers Kollektief in exakt geprobten musiktheatralischen Happenings zu Berühmtheit gelangte, arbeitete Mengelberg an Konzepten gelenkter Kollektivimprovisation: Dirigate und als strukturelle Interventionen gedachte kompositorische Einschaltungen prägten die Musik vor allem des von ihm ab 1977 geleiteten ICP Orchestra.

Wobei er als Ensembleleiter wie auch als Pianist ein Ausdrucksspektrum von 360 Grad pflegt - ein Vokabular, das zwischen kantablem Motiv und hämmernder Clusterattacke, zwischen neoklasisszistischen Anspielungen und abstrakten Materialskulpturen stets für Irritationen aller Art, eben auch witziger, gerne offen bleibt. (Andreas Felber/DER STANDARD Printausgabe vom 14.15/12.2002)

14. 12.
Jazzatelier Ulrichsberg
Info: (07288) 63 01
  • Artikelbild
    foto: standard/francesca patella
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