Schau nie nach vorn!

12. Dezember 2002, 21:13
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HipHop-Superstar Missy Elliott entdeckt auf ihrem neuen Album "Under Construction" die große Vergangenheit ihres Genres

Allerdings schließt sie diese nach wie vor mit einem unglaublich knackigen Funk-Futurismus kurz.


"What happened to the good old days, when HipHop was so much fun/ Those parties in the summer y'all, and no one came through with a gun?" Nachdem Missy Elliott bisher auf ihren Alben Supa Dupa Fly, Da Real World und Miss E ... So Addictive als Ausnahmeerscheinung im tendenziell seit Jahren stagnierenden HipHop-Genre gewertet werden musste und muss, weil hier sowohl von den textlichen Inhalten als auch dem von ihrem Hausproduzenten Timbaland gelegten musikalischen Fundament tatsächlich Neuland betreten wurde, besinnt sich die heute 31-Jährige auf alte Werte. Immerhin ist mit dem hier vertretenen Discjockey, dem im Herbst ermordeten Jam Master Jay von den altvorderen Integrationsfiguren und während ihrer gesamten Karriere immer nur für Toleranz, Gewaltlosigkeit und Respekt in der Community eintretenden Run DMC nicht nur schon wieder ein zentraler HipHop-Protagonist ermordet worden (Tupac Shakur, Biggie Smalls, ...). Nach dem Tod des Rappers Big Pun, dem Verkehrsunfall von Lisa "Left Eyes" Lopes von TLC oder dem Flugzeugabsturz von Soul- und R'n'B-Hoffnung Aaliyah, allesamt mit Missy Elliott befreundet, kreist die große Innovatorin gerade auch wegen des Bewusstseins der Vergänglichkeit hier neben allgegenwärtiger Angst vor Bedrohung von Leib und Leben um die "guten alten Zeiten" des HipHop - etwa im eingangs zitierten gemeinsamen Duett mit Rapper Jay-Z in Back In The Day.

Der von knackigem und knarzigem Funk-Futuralismus geprägte Sound der alten Produktionen von Missy Elliott wird erweitert durch Rückbesinnung auf historische Errungenschaften des HipHop. Vor allem die genial minimalistische, überraschend als weltweiter kommerzieller Hit endende Single Get Ur Freak On von Miss E ... So Addictive und ihr bahnbrechender Mix aus knochentrocken piepsenden und tirilierenden Computerspiel-Soundeffekten und gegen die üblichen Synkopen gebürsteten Dancefloor-Rhythmen, dieser tatsächlich trotz aller Sperrigkeit dann auch weltweit kommerziell erfolgreiche "Avantgardismus" muss hier angeführt werden. Wenn hier trotz der Beschwörung großer Vergangenheit nach wie vor geforscht wird. Man höre allein allein die ersten drei neuen Titel: Go To The Floor, oder das gemeinsame Duett von Elliott und Method Man und dessen neu eingespielten Klassiker Bring The Pain oder Gossip Folks. Dazu gesellt sich, erwähnter Jam Master Jay steuerte übrigens an den Plattentellern, wie soll man sagen, dem ganzen sehr einnehmend kontraproduktiv entgegen gesetzte finale Samples bei, dazu gesellt sich nach wie vor die Propagierung eines selbstbestimmten Frauenbildes, das abseits der genreüblichen Klischees seines gleichen sucht.

Missy Elliott sagt am Ende dieses für HipHop äußerst unproduktiven Jahres: Was Du ererbt von deinen Vätern, erwirb es um es zu besitzen. Zurück in die Zukunft. Und jetzt die Party! (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2002)

Von Christian Schachinger
  • Missy Elliott
Under Construction
(Warner)
    foto: warner
    Missy Elliott
    Under Construction
    (Warner)
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