Alles schon fertig

19. Dezember 2002, 13:42
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Convenience hält einerseits Einzug in die Top-Gastronomie, andererseits häufen sich die Anleitungen, wie man zu Hause mit Fertigprodukten passabel kochen kann

Ordentlich kochen braucht Zeit, nur hat die halt niemand mehr. Der Supermarkt weiß Rat: Fertigmenüs haben das Spektrum von Germ-und Fleischknödel, Tiefkühl-Pizza und Kochsalat mit Erbsen längst verlassen, alles ist möglich, lautet das Motto. Und zwar nicht nur in der Single-Einbauküche, sondern auch und vor allem in der Gastronomie ist Convenience ein Thema: Gewürzmischungen, Saucenbasis, fertig vorbereitetes Gemüse. Die allseits beliebten Antipasti werden zum allergrößten Teil industriell hergestellt - manchmal immerhin sogar in Italien -, die diversen Asia-Küchen wären in Österreich kaum vorstellbar, würde da nicht ordentlich das Packerl bemüht werden.

Martina Willmann vom Schwarzen Kameel in Wien meint, dass siebzig Sitzplätze das Maximum seien, was sich auf dem von ihr angestrebten Niveau bekochen ließe, "alles darüber ist Masse". Wobei sie sich das Leben auch nicht leicht macht, indem sie nämlich auf Fertigprodukte überhaupt verzichtet ("um das Tomatenmark kommt man allerdings nicht herum"). Es komme aber nicht zuletzt auch auf den Anspruch des Publikums an, "weil, wenn da jetzt einer für einen Teller zwanzig Euro zahlt, kann ich ihm nicht die vorgeschälten Kartoffeln aus dem Packerl hinlegen". Das sehen allerdings nicht alle so, gerade die gehobene Szenegastronomie ist mittlerweile mit Top-Restaurants preislich vergleichbar, "dass da aber alle Frühlingsrollen immer selber gewuzelt werden, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen", so Willmann, und die bunten Saucen dazu gibt's im Supermarkt.

Überhaupt der Supermarkt: Paul Bocuse schockierte die Gourmet-Internationale seinerzeit, indem er Fertiggerichten seinen Namen lieh, Österreichs Parade-Kochexport Wolfgang Puck verdient mit seiner Fertiggerichte-Linie nicht wenig Geld, Ewald Plachutta und Lisl Wagner-Bacher warben einst für Uncle Ben's, Reinhard Gerer für Spar. Der Imagetransfer lässt die Grenzen verschwimmen. Einerseits. Andererseits ist das Dosenfutter auch nicht mehr das, was es einmal war: Bei Merkur entwickelte man nach einem Schweizer Patent und mit Hilfe einiger Haubenköche (die aber nicht genannt werden dürfen) eine Art High-Tech-Fertiggericht namens "Haubenküche": In einem eigens entwickelten Behälter mit Überdruckventil wird das Gericht per Mikrowelle quasi dampfgegart, "das ist die Concorde unter unseren Convenience-Produkten", jubelt Merkur-Marketingchef Stefan Stiglbauer. Als die Gault Millau-Redaktion - alleinberechtigt, Hauben zu verteilen - fünf der zehn "Haubenküche"-Gerichte testete, lag das Ergebnis bei 10,9 Punkten. Die erste Haube gibt's aber erst bei 13, weshalb Guide-Herausgeber Michael Reinartz die Bezeichnung "Haubenküche" hier für irreführend hält und auch schon rechtliche Schritte eingeleitet hat.

Tatsächlich Hauben verliehen bekam allerdings der Flug-Caterer Airest für das seit 1997 existierende "Haubenmenü"-Programm der AUA-Grand Class, und zwar gleich zwei: Hierfür werden Top-Köche eingeladen, ein Menü zu kreieren, das in den Vorbereitungsküchen des Groß-Caterers und dann später beim "Regenerieren" an Bord realisierbar bleibt. 14 Köche kamen schon dran, derzeit aktuell ist Christian Petz vom Meinl am Graben, an die 40.000 solcher Menüs werden pro Jahr hergestellt, verrät Herbert Pollak von der Airest. Helmut Österreicher, der erste Koch eines "Flughaubenmenüs", ist seit vergangenem Oktober übrigens externer Produktentwickler im Unternehmen.

Dass Convenience am heimischen Herd aber auch nicht immer nur Gulasch-Fix bedeuten muss, zeigen zwei jüngst erschienene Kochbücher: Martina Malle, Kulinarik-Zuständige im Freizeit-Magazin des Kurier, geht in ihrem Kochbuch "Quickies" davon aus, dass wenig Zeit und der Supermarkt nahe ist. Berührungsangst vor "Basis für Rahmgeschnetzeltes" oder Champignoncremesuppe herrscht nicht, Convenience wird als Komponente mit eingearbeitet. Sonja Heller geht sogar noch einen Schritt weiter: In ihrem Buch "Raffiniert & Schnell" scheint sie es sogar darauf anzulegen, möglichst viele minderwertige Zutaten in den Rezepten unterzubringen. Für einen Themenabend sicher nicht unoriginell. (DER STANDARD/rondo/Florian Holzer/13/12/02)

Martina Malle, Quickies, NP-Verlag; Sonja Heller, Raffiniert & Schnell, Weltbild-Verlag
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