Walk on the Wild Wall

1. Juli 2005, 14:22
posten

Wie ein verschnörkeltes Schriftzeichen windet sich die Chinesische Mauer durch die nördliche Provinzen. Ihr unrestaurierter Teil, die "Wild Wall", wird nun als Trekking-Route entdeckt.

Peking, irgendwo zwischen Stadtplanrand und Straßenbankett. Holpriges Kauderwelsch prallt auf lange runde Gesichter, doch mit Pflaumen im Mund kommt man dem Ziel zuletzt doch ein Stück näher. Selbstverständlich ist die "Gweat Wall", wie die berühmte Mauer mit anglochinesischer Correctness oder aber mit vollem Mund betont wird, den angesprochenen Taxilenkern ein Begriff - zumindest jetzt, in den Momenten jener erratischen Ruhe, die der Hektik im Kampf um den fremden Fahrgast nachhallt.

Stutzig macht die Chauffeure in ihren alten, blauen Blazern und speckigen, grauen Hosen bloß der nachgereichte Zusatz: Wild Wall. Damit haben die Leute am Pekinger Taxi-Parkplatz ihre kleinen Probleme und bieten als zwischenzeitliche Alternative, vielleicht auch aus taktischem Kalkül beim Fahrgeld-Gefeilsche, bloß eine große Mauer des Schweigens an - allerdings eine mit kleinen Lücken, zum Nachfragen. "Huanghua, Wild Wall? Nein, nie gehört", lautet der Tenor.

Changcheng, die "Gweat Wall" findet bekanntlich woanders statt, das weiß schließlich jeder. Nach Badaling fahren die Langnasen hinaus, wenn sie die Mauer abhaken wollen, in Reisebussen und häufig auch allein. Immerhin kann man dort bei Schlechtwetter das 360-Grad-Panorama des "Great Wall Circle Vision Theatre" bewundern, Panda-Püppchen shoppen, neuerdings sogar bei KFC anstehen, der amerikanischen Hühnerflügel wegen. Auch Mutianyu wäre eine Mauer-Alternative. Weiter östlich als Badaling gelegen, gut neunzig Kilometer von Peking entfernt, aber mit allem Pipapo ausgestattet: Seilbahn zum höchsten Aussichtsmäuerchen, der geknickten Stöckelschuhe wegen. Getränkebuden sowieso. Und natürlich tadellos restauriert das Ganze, so wie man es auf zahllosen China-Postkarten sieht: eine Mauer auf extrem hügeligem Terrain, bei Badaling seit 1957 sogar mit Eisengeländer ausgestattet.

Nichts von alledem findet sich hingegen in Huanghua, das irgendwo zwischen Badaling und Mutianyu liegen soll. Das heißt, falls es das Kaff überhaupt gibt. Mit Pflaumen im Mund wird man nicht nur besser verstanden, sondern auch nett behandelt, und reicht sie also gerne nach vorne weiter, ans Volant, wo neben dem Lenker sogar ein Co-Lenker Platz gefunden hat. Schließlich bedeutet der Trip zur unrestaurierten Mauer von Huanghua ja eine Landpartie, die selbst in Pekinger Taxifahrer-Kreisen neugierig macht.

Der gelbliche Staub der nördlichen Pekinger Vororte und der Sperrmüll der letzten, von Abruchbaggern bedrohten Hutongs, wie die heute rasant zerstörten Altstadtviertel heißen, liegen am Wege; später die am Rande der Autobahn hochgetürmten Melonen-Pyramiden, und schließlich eine recht steil ondulierte Gegend, deren krumm verlaufende Landstraßenkurven die Optik der weltberühmten Mauer vorwegnehmen. Auf und ab kriecht die fettschwarze Asphaltschlange hier durch den Landkreis Peking, der insgesamt 680 Mauer-Kilometer innerhalb seines Terrains verbuchen darf - Reste eines gesamtchinesischen Projekts, das zwar keineswegs - wie oft irrtümlich behauptet - vom Mond aus gesehen werden kann, aber immerhin das arbeits-, zeit-und materialaufwändigste Bauwerk der Geschichte darstellt.

Im Laufe der Jahrtausende - genauer zwischen 220 vor und 1620 nach Christus - entstanden so nicht eine einzelne, sondern über zwanzig Chinesische Mauern, die sich teils kalligraphisch verschnörkelt über die nordchinesische Geographie verbreiten, mitunter abrupt enden, dann wieder Verästelungen bilden und schließlich mit dem Bau der Ming-Dynastie jene monumentale Größe erhielten, die sie heute auszeichnet.

Auch das Gebilde um Huanghua ist Teil jener Ming-Mauer, die mit sechs Metern Breite immer noch schmäler ausfällt als jede Autobahn. Soeben taucht sie auf den Hügelkämmen auf, wird einige Serpentinen weiter vom Landsträßchen nonchalant durchschnitten. Ein kleiner Krämerladen duckt sich hier gegen das Ziegelwerk, serviert den Gästen geschmalzene Kekse und die alte Jianlibao-Brause, jenes selten gewordene Soft-Drink-Relikt aus vorglobalen Zeiten, das in der Nase prickelt und häufig an den urigsten Plätzen des Landes anzutreffen ist.

Auch Huanghua mag dafür Pate stehen, denn lärmende Reisebusse und Massenauftrieb verunstalten hier das Erlebnis "Chinesische Mauer" keineswegs. Ganz im Gegenteil: Seit sich Reisende im Land der Mitte weitgehend frei bewegen können, war es nur eine Frage der Zeit, bis die "Wild Wall", wie die unrestaurierte Strecke der Chinesischen Mauer genannt wird, als geradezu ideale Trekking-Route quer durch das Land entdeckt wurde. Über die Provinzen Gansu, Ningxia, Shaanxi, Innere Mongolei, Shanxi, Hebei, Peking führt diese Route von West nach Ost, der einst 6370 Kilometer langen Ming-Mauer folgend.

Heute ist davon noch die Hälfte erhalten - Strecke genug für eine Wanderung entlang Chinas historischer Nordgrenzen, vorbei an vergessenen Dorfweilern und abwechslungsreiche Landschaften passierend, die von der Wüste bis zum Ostchinesischen Meer führen. Huanghua ist so eine Einstiegsstelle für abenteuerlustige Romantiker, die sich entlang dieser Route durchs Gestrüpp der meist malerisch überwucherten Mauer kämpfen, in unrestaurierten Wachtürmen ein einsames Nickerchen einschieben, und nun mehr vom Ansturm der Mongolen träumen müssen.

Das moderne China hat am gut 60 Kilometer nördlich von Peking gelegenen "Gelben Blumen Fort", wie der lokale Wachposten heißt, jedenfalls Sendepause. Höchstens Zikaden und erstaunte Reisbauern stören die Ruhe an "ihrem" Mauerstück, das sich wie ein Tuscherollen-Panorama bis zum Horizont erstreckt.

An beiden Seiten bröckeln die uralten Ziegelsteine, und in der Ferne verlaufen Pappelalleen zwischen traditionellen Gehöften. Doch schöner ist trotzdem der Spaziergang am gekrümmten Steinrücken der sagenhaften Mauer, die zugleich eine ideale Bastion fürs nächtliche Lager abgibt und Hobby-Sinologen unterwegs mit gravierten Tafeln verwöhnt - meist Aufzeichnungen jener Menschen, die hier die Ziegel gebrannt, den Mörtel gerührt haben.

Geht man von Huanghua geradeaus, so erreicht man nach 300 Kilometern Shanhaiguan, jenen magischen Ort, an dem Changcheng, die große Mauer, an einer Steilküste ins Meer stürzt. Wählt man die Gegenrichtung, nach Westen hin, tauchen nach drei, vier Monaten ganz zuletzt Jiayuguans Wehrtürme und die letzten, aus Erde gepressten Mauerteile im Staub der zentralasiatischen Halbwüsten auf. Zwischen beiden Orten liegt ganz China und das Trekking-Abenteuer w.w.w. - sprich: Wild Wall Walking. Virtuelle Seichtheit oder gar einen Spaziergang sollte man sich trotzdem keinen erwarten.

Extrem steil verlaufen viele Abschnitte, die nördlich von Peking gelegenen Etappen bei Simatai und Xiangshui Hu ziehen heute sogar Kletter-Freaks an. Dass es im Schweiße des Angesichts aber auch irrationales Mauer-Werk zu betreten gibt, sollte dabei nicht übersehen werden. Gerade die gewaltige Ming-Mauer ist das beste Beispiel dafür.

Die Mongolen, gegen die der Mauerbau einst abzielte, durchbrachen die älteren Schutzwälle bereits im Jahre 1213 und herrschten ein Jahrhundert im Reich der Mitte. Der Bau der großen Ming-Mauer kam so um über zweihundert Jahre zu spät, doch er wurde selbst dann noch fieberhaft vorangetrieben, als die Nomaden längst harmlos waren - eine Mauer gegen kollektive Ängste überzieht seither das Land. (Der Standard\rondo\13\12\2002)

Von Robert Haidinger

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Teil der Chinesischen Mauer

Share if you care.