Schiefe Optik

12. Dezember 2002, 19:38
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Die UNO übergab den Irak-Bericht den USA, ohne ihn vorher kopiert zu haben - Von Gudrun Harrer

Die Worte des UN-Generalsekretärs waren noch viel zu sanft, als er am Mittwoch die Vorgänge im UN-Sicherheitsrat in New York rund um den Irak-Bericht als "unglücklich" bezeichnete. Tatsächlich stehen einem die Haare zu Berge ob der Ungeschicklichkeit und der Unprofessionalität, mit der UNO und USA die Sache der Verteilung des Berichts angingen.

Die UNO übergab doch tatsächlich das noch nicht kopierte Original einem Vertreter der US-Regierung, der es nach Washington brachte - ja, lediglich zum Kopieren, wie man annehmen will und wohl getrost kann: Eine Fälschung oder auch Auslassungen oder Hinzufügungen an relevanten Stellen sind in so kurzer Zeit praktisch gar nicht möglich. Aber die schiefe Optik wird Verschwörungstheorien über US-Manipulationen bis in alle Ewigkeit nähren.

Und das geschieht allen Beteiligten völlig recht - denn das Argument, dass die UNO in New York nicht über die geeigneten Kopierkapazitäten verfügt, ist bei dem dort zu bewältigenden Papierwust einfach nicht glaubhaft. Und wenn es doch stimmt, umso schlimmer angesichts der Gelder, die die Organisation alljährlich verbrät.

Aus der Agenturberichterstattung genährte Hoffnungen, dass sich eine komplette Kopie des Originals - hergestellt, bevor die Amerikaner die Hand darauf legten - in Wien befindet, haben sich auch nicht erfüllt. Nach Wien wurden nur die die Nuklearprogramme betreffenden Teile des Berichts gebracht.

Das heißt, die anderen vier ständigen Sicherheitsratsmitglieder - Großbritannien, Frankreich, Russland und China - bekamen quasi ihren Bericht nicht von der UNO zur Verfügung gestellt, sondern von den USA (gleich, wer dann letztlich ihre Kopien hergestellt hat). Na bravo. Wer meint, das sei ja nicht so schlimm, der denkt nicht daran, wie schwer es dem UN-Sicherheitsrat gefallen ist, die Irak-Sache von einer unilateralen zu einer internationalen zu machen, von einer US-Kriegsanlass-Verschaffungsaktion zu einer gemeinsamen Anstrengung, ein Ziel - die Abrüstung des Irak - ohne Krieg zu erreichen.

Ein Bärendienst an der Glaubwürdigkeit nicht nur der UNO, sondern auch der USA selbst, die ja immerhin bereits ihre Geschichte der Manipulationen von Inspektionen im Irak haben: die Spionage unter dem Unscom-Mantel vor 1998.

Dass die unheimlichen Vorgänge im Sicherheitsrat am Sonntag erst am Mittwoch durchsickerten, zeigt das schlechte Gewissen der Beteiligten. Tagelang konnte man meinen, die Empörung gelte allein der Tatsache, dass die zehn nicht ständigen Mitglieder keine unzensierte Fassung des Berichts erhalten sollen. Durchaus glaubhaft versichert die UNO: aus Gründen der Non-Proliferation, also um zu verhindern, dass die zehn Länder nicht zu Informationen über die Produktion von Massenvernichtungswaffen kommen, die sie vorher noch nicht gehabt haben. Aber alle Begründungen müssen momentan ins Leere gehen. Und Geschichten wie die am Donnerstag in der Washington Post über irakische C-Waffenlieferungen an Al-Qa'ida hinterlassen noch mehr Zweifel als sonst.

Die Inspektoren der Unmovic, die - man muss es noch einmal wiederholen - nun einen vorher durch US-Hände gegangenen Irak-Bericht bearbeiten dürfen, strampeln indes weiter, in New York und im Irak. Dort haben die Abrüster zuletzt die Gangart wesentlich verschärft, langsam kommen sie auf eine kritische Stärke von fast hundert Personen. Sobald der Bericht ausgewertet ist, werden sie die irakische Realität an den Aussagen zu messen haben.

Dass der Bericht irrelevant ist, sagen nicht einmal die Amerikaner, es dürfte einiges Brisante - über "Beschaffungsanstrengungen" und dergleichen - drinstehen. Spannend wird, ob sich die Angaben auf die Zeit vor oder nach 1998 beziehen, denn die USA sind fest entschlossen, Bagdad keinen Glauben zu schenken, wenn es während der letzten vier Jahre keine Aktivitäten gehabt haben will. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2002)

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    foto: photodisc
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