Ein Aufbruch ins Leben

8. August 2003, 21:41
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Schule und "Etre et avoir": In die Auvergne führt die 51. Unglaubwürdige Reise

Die erste Frage an jeden Schulanfänger: "Wo bist du?" Und die erste, noch kaum hervorgebrachte Antwort: "Ich bin in der Schule." "Ist es Vormittag oder Nachmittag?" Wieder Schweigen und Ratlosigkeit. "Hast du schon zu Mittag gegessen?" "Nein, nein." "Dann sollte es Vormittag sein." Ähnliche Fragen, aber feindlich gestellt, bekommen Schwerkranke, die nach der Narkose mühsam zu sich kommen, an den Kopf geworfen, nach geglückten oder weniger geglückten Therapien, und nicht von alten Schullehrern an ihrem letzten Arbeitstag wie in Etre et avoir von Nicolas Philibert.

Der Lehrer, Herr Lopez, mustert seine letzten Schüler, fragt sie die letzten Fragen, sie sehen ängstlich an ihm hinauf, geben die letzten verqueren Antworten, versuchen herauszufinden, wo ihr Schulhof liegt, und sie verlassen ihn für die ersten langen Ferien, "Bonnes vacances". Das helle Tor schließt sich, ein Hund läuft hinter ihnen her. Sie wissen noch nicht, ob ihre ersten Ferien, der erste Verlust ihrer neuen Identität, ihnen schwer fällt, versuchen aufzutrumpfen, einer von ihnen fährt zu den Großeltern in die Bretagne, die anderen bleiben, wo sie bisher waren. Über ihnen treiben Wolken vorbei, der erste Sommermorgen durchnässt sie, ehe sie sich voneinander trennen und sie durchnässt und danach rasch wieder von der windigen Sonne getrocknet zu ihren alten Spielen zurückkehren und ihre ersten neuen Erfahrungen, die Schule, ihr Glück oder Unglück, die erste Schwelle, über die sie stürzen könnten, gegen die langen Ferien eintauschen.

Laura hat erfahren, dass sie nicht die einzige Laura, Jacques, dass er nicht der einzige Jacques ist, den anderen stehen solche Erfahrungen noch bevor. Ihnen droht - wie dem kleinen Louis Malle in Au Revoir, les Enfants - ein erster endgültiger Abschied. Was sie gerade noch hatten, geht ihnen verloren, ihr erster Stolz, ihre neue Identität wird vom Strandhafer überwuchert und dem Vergessen ausgeliefert, das der Erinnerung nur helfen kann, wenn es sie verlässt.

"Wo liegt die Auvergne, wohin treibt der Regen?", wird gefragt. "Ich liebe Landschaften, in denen man nicht alles auf den ersten Blick sieht", sagt der Regisseur. "Und wie lange hast du gebraucht, diese Schule im Zentralmassiv zu finden?" "Fast fünf Monate. Es war nicht einfach. Es kamen fünf oder sechs Schulen in Frage. Schließlich fiel die Wahl auf Monsieur Lopez." "Hast du vor den Dreharbeiten viel Zeit in der Schule verbracht?" "Eigentlich nicht. Ich entdeckte die Klasse Ende Oktober 2000 und verbrachte einen Nachmittag dort, ich hatte gleich das Gefühl, dass sie die richtige war. Ich erklärte dem Lehrer, dass ein fünfjähriges Kind, das multiplizieren lernt, zum Kinoepos werden kann."

"Du bleibst im Umfeld der Schule, das Familienleben der Kinder bleibt im Off?" "Ich habe in allen Familien gedreht, aber immer im Hinblick auf die Schule." "Was hast du mit den Landschaftsaufnahmen beabsichtigt?" "Der Zuschauer braucht von Zeit zu Zeit eine Pause, frische Luft, etwas Herbheit, frische und unbebaute Felder." Diese Felder und auch einiges darüber hinaus werden dem Zuschauer derzeit im überfüllten Stadtkino geschenkt. Ich war nicht der einzige Zuschauer, der zwei Vorstellungen hintereinander blieb. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2002)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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