Pionier im Schatten

12. Dezember 2002, 17:20
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Little Axe bestechen auch auf ihrem dritten Album "Hard Grind" mit einer Neudefinition von Blues und Funk im Zeichen zeitgenössischer Sounds

Der Titel seines zweiten Albums brachte es auf den Punkt: "Slow Fuse". Besser lässt sich kaum beschreiben, was Skip McDonald mit seiner Band Little Axe vollbringt: eine atemberaubende Fusion, ohne die Verwahrlosung eines Crossovers und ohne die Identitäten der Ausgangsmaterialien aufzugeben. Im Gegenteil. Diese waren und sind Blues, Funk und in verhaltenen Momenten auch Dub (die Echos!), der immer irgendwie präsent ist, wenn Adrian Sherwoods Produzentenhände im Spiel sind. Damit schuf Little Axe eine Form, die in Folge von Leuten wie Moby schamlos "erfunden" wurde. Aber das ist nur eine Fußnote in der Karriere des heute 53-Jährigen.

Die Stationen von McDonalds Laufbahn bieten Stoff für mehr als eine spannende Biografie. Bernard Alexander alias Skip "Little Axe" McDonald gilt als eine jener Figuren, die selten als Einzelperson in Erscheinung getreten sind, dafür als wesentliche Ideengeber und begnadete Handwerker an Projekten beteiligt waren, die Musikgeschichte geschrieben haben. Öffentlich wahrgenommen oder nicht, bedankt oder - siehe Moby - unbedankt.

Den in Dayton, Ohio, geborenen Skip verschlug es Anfang der 70er-Jahre nach New York. Er spielte mit der Disco-Combo Wood Brass & Steel ein paar Alben ein, lernte Doug Wimbish kennen und landete zusammen mit diesem bei einem Label, das sich nach einem Viertel im New Yorker Stadtteil Harlem benannt hatte: Sugarhill. Dort traf er auf Keith LeBlanc, der neben Wimbish ein weiteres Fixgestirn im McDonaldschen Universum werden sollte. Mit den beiden zählte er bei dem Hip- Hop-Pionier-Label zur Hausband und spielte bei Meilensteinen wie Grandmaster Flashs The Message oder White Lines seine kleine Axt. In den frühen 80ern lernten die drei Ausnahmemusiker Adrian Sherwood kennen, der 1979 sein Label On-U Sound gegründet hatte und bald als einer der innovativsten britischen Produzenten galt. Sie folgten seinem Ruf nach England. Dort entstand im Laufe der Zeit ein Netzwerk aus Bands wie Tackhead (mit Gary Clail), African Head Charge, Mark Stewart & the Maffia, Dub Syndicate, Bim Sherman und vielen mehr, die stilistisch zwischen Industrial, politischem Funk und Reggae angesiedelt waren. Diese exzentrischen Formationen veränderten das Erscheinungsbild des Pop, indem sie sehr früh Mittel der elektronischen Musik integrierten und damit Pionierarbeit leisteten. So kann man Sherwoods Remix von Mark Stewarts Stranger Than Love (1987!) als eine der ersten TripHop-Nummern überhaupt bezeichnen - mit Skip McDonald an der Gitarre.

Mit Little Axe entstand 1994 das späte Solo-Projekt McDonalds, dessen drittes Album Hard Grind nun endlich auch hierzulande zu bekommen ist. Seine atmosphärische Dichte bezieht Hard Grind nach wie vor aus den eingangs erwähnten Zutaten. Doch die unvergleichliche Verwendung sorgt für den gewaltigen Unterschied zu anderen, auf dem problematischen Gebiet der Fusion tätigen Künstlern. Sherwood, den man sich als erweitertes Bandmitglied vorstellen muss, schickt vom Mischpult aus die Mundharmonika in die Echokammer. Wimbish schnalzt sexy mit dem Bass, während LeBlanc immer wieder Verzögerungen in sein Timing einbaut und damit den meist behäbig angelegten Rhythmen Spannung verleiht. Das von McDonald gespielte Keyboard presst unaufdringlich Funk-Motive in die Songs, während er mit zurückgelehntem Sprechgesang seine Texte vorträgt oder sich von dieser Arbeit mittels Samples von Junior Kimbrough oder Bim Sherman befreien lässt. Ins Midtempo gesetzte Songs wie All Night Long oder Down In The Valley lassen vermuten, was passiert, wenn Little Axe einmal wirklich loslegen.

Ohne Moby sein Gespür im Umgang mit Musiken wie Gospel oder Blues absprechen zu wollen. Aber wer selbst gedachte Ideen hören will, sollte früher oder später bei Little Axe landen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2002)

Von Karl Fluch
  • Little Axe (On-U Sound):    onusound.co.uk
Erhältlich bei Rave Up: Tel. 01/596 96 50
    foto: on-u sound

    Little Axe (On-U Sound): onusound.co.uk

    Erhältlich bei Rave Up: Tel. 01/596 96 50

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