++PRO & CONTRA -- Weihnachtsparty

19. Dezember 2002, 13:18
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Vom familiären Weihnachts-Fanal mit therapeutischem Hintergrund entwickelte sich die Party zu einem ganz veritablen Fest, aber was ist Weihnachten denn eigentlich?

+++ PRO

von Florian Holzer

Weihnachten hat viel mit Angst und Leid zu tun. Angst davor, dass man nicht geliebt wird, Angst davor, allein zu sein, Angst davor, keine, zu wenige oder die falschen Geschenke zu bekommen, und schließlich die endgültige Panik, dass "Licht ins Dunkel" irgendwann einmal auf beiden Fernsehprogrammen ausgestrahlt wird. Und in solchen Momenten der Angst rät der Instinkt, sich zusammenzurotten, ordentlich einen zu trinken und gemeinsam zu warten, bis die Bedrohung vorbei ist. Ursprünglich feierte man dieses Fest wahrscheinlich eh überhaupt nur deshalb, weil's draußen so kalt, dunkel und unwirtlich war, im Laufe der Zeit verschoben sich die Angst-Parameter dann halt ein bisschen, Weihnachten itself ist jetzt die Ursache des Horrors.

Anfänglich trafen wir uns nach dem familiären Weihnachts-Fanal bei mir zu Hause, mit unglaublichen Home-Stories beladen, damals eher noch therapeutisch. Im Laufe der Zeit begann sich die abendliche Party dann zu emanzipieren, mittlerweile wurde sie zum veritablen Fest mit der Kapazität, Weihnachten neu zu definieren. Und abgesehen von Vorteilen wie zum Beispiel dem Erhalt vieler Bücher, CDs sowie Weinflaschen bringt die Weihnachtsparty auch noch eine weitere angenehme Tatsache mit sich: nämlich dass - wenn man zum Beispiel nächtens Schinken, Lachs, die Pasteten, den Heringssalat und das restliche Zeug, das dann nach den familiären Weihnachtsessen interessanterweise doch immer noch gegessen wird, nicht mehr so wirklich wegräumen will - man am nächsten Vormittag exzellent weiterbrunchen kann.



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---CONTRA

von Wolfgang Weisgram

Oft weiß man mit sich und den Seinen ja nichts anzufangen. Oder jedenfalls nur insoweit, als man fähig ist, den kleinkommunikativen Jammer in großgeselliger Ausgelassenheit andeutungsweise zu überspielen. Solchen Lemuren der häuslichen Not mag es zweckmäßig erscheinen, die Stille der Jahreszeit mit schrillen Aperitifen zu kompensieren, bevor sie sich ein "amuse gueule" hineinziehen, dass es, wie man sagt, nur so pascht. Man kann das verstehen. Aber nicht gutheißen. Was ist denn die Weihnacht? Einmal abgesehen vom theologischen Hintergrund der Menschwerdung an und für sich? Weihnacht ist, sind diese einkaufshysterischen Massenerscheinungen einmal vorbei - ab dem 24. um die Mittagszeit - in erster Linie Ruhe. Eine ganze Woche lang, bis ins neue Jahr hinein, übt sich das Land in der Sozialutopie der Arbeitsunwilligkeit. Es wird spät hell und früh finster, und dazwischen ist man auf eine nachvollziehbar angenehme Weise müde. Man steht auf, filetiert den Karpfen, schneidet Würstel für die nachmittägige Erbsensuppe, liest ein Buch, schenkt der Gattin einen versonnen Blick und umgekehrt, freut sich auf Stephani und den Tag der unschuldigen Kinder, mahnt den Nachwuchs zur Besonnenheit. Kurz: atmet durch. Hält Einkehr. Und fürchtet sich ein wenig vor Silvester. Denn dann wird man nicht umhin können zu tun, was unverständlicherweise nebenstehend schon für die Weihnacht anempfohlen wird. (DER STANDARD/rondo/13/12/2002)

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