Kassierin bei Banküberfall angeschossen

11. Dezember 2002, 20:08
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Nach dem 25. Banküberfall dieses Jahres in Wien sind sich die Kriminalisten nicht sicher: War es ein Täter oder eine Täterin?

Wien - Der Albtraum aller Bankangestellten wurde Mittwochvormittag in einer BA-CA-Filiale in Wien-Alsergrund Realität. Eine vermummte Gestalt schoss eine Kassierin nieder und suchte danach ohne Beute das Weite. Die 46-jährige Bankangestellte erlitt einen Oberschenkeldurchschuss, nach einer Notoperation im nahe gelegenen Wiener AKH war sie laut Auskunft der Polizei außer Lebensgefahr. Die Alarmfahndung nach der unbekannten Person blieb ergebnislos.

Vorerst konnte nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden, dass es sich möglicherweise um eine Räuberin handelt. Dafür könnte sprechen, dass die Person als klein (1, 60 Meter) und zierlich beschrieben wurde. Und für eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung aufgrund der Stimme fielen offenbar zu wenige Worte.

"Kein Alarm, schnell"

Warum die 30- bis 35-jährige Person überhaupt abgedrückt hat, war vorerst unklar. Als sie die Bank in der Spitalgasse betrat, zeigte die Uhr der Überwachungskamera 9.17 Uhr. Dass die seltsame Erscheinung einen hellen Schlapphut aufhatte und einen schwarzen Schal bis über die Nase gezogen hatte, führten die vier Angestellten sowie zwei Kunden auf die tiefen Außentemperaturen zurück. Doch dass die "Kundschaft" ihre markante blaue Sonnenbrille nicht abnahm, verhieß nichts Gutes. Mit einer kurzen Geste deutete der oder die Unbekannte den Anwesenden, ruhig zu sein, zog eine Pistole aus der schwarzen Jacke und schob einen Zettel über das Kassapult: "Kein Alarm, mach den Safe auf, schnell."

"Soweit wir es rekonstruieren konnten, haben sich die Überfallenen richtig verhalten, keiner hat den Helden gespielt", meint Manfred Rossler von der Kriminaldirektion 1 im STANDARD-Gespräch. Der Räuber habe dann die Kassierin in einen Nebenraum, wo sich der Banktresor befindet, dirigiert. "Wir wissen nur, dass dort der Schuss gefallen ist und dass der Tresor ungeöffnet blieb", so Rossler weiter. Der Raum sei vom Kundenbereich nicht einsehbar und das schwer verletzte Opfer konnte bis zum Abend noch nicht befragt werden. Die anderen Zeugen sagten noch aus, dass die vermummte Gestalt die Bank "ruhigen Schrittes" verlassen habe.

Bankraub Nummer 25

In der Wiener Kriminalstatistik des heurigen Jahres trägt der Banküberfall die Nummer 25. Im gesamten Vorjahr wurden in der Bundeshauptstadt 31 Geldinstitute von Räubern heimgesucht. Einen signifikanten jahreszeitlichen Zusammenhang gebe es nicht, so Kriminalist Rossler. Es sei ein Ammenmärchen, dass gerade vor Weihnachten mehr Banken überfallen werden. 2001 und 2000 habe es in der Adventzeit in Wien jeweils nur einen Coup gegeben.

Die Chance für Bankräuber, unbehelligt davonzukommen, ist relativ gering, die Aufklärungsrate beträgt immerhin fast 75 Prozent.

Selten, aber immer wieder fallen bei Banküberfällen auch Schüsse. Der bislang letzte tödliche Schusswechsel ergab sich im August 2000, als in Linz ein Bankräuber, der Gatte einer damaligen Landespolitikerin, auf der Flucht erschossen wurde. Wie sich später herausstellte, hatte der Mann ein perfektes Doppelleben geführt. 1989 tötete ein Räuber in Graz eine Kassierin bevor er Suizid beging. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe 12.12.2002)

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