Massentaufe bei der Bundesbahn

10. Dezember 2002, 16:52
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Neue Namen für Züge: Von "Familienland Österreich" über "Berlitz Sprachcenter" und "1100 Jahre Stadt Mödling"...- Teil 2

Wien - Soll eine junge Mutter lieber den Urlaub am Bauernhof wählen, weil es dort ein Stillabteil gibt, oder sich mit Hotel Ibis begnügen, wo sie mit einem Kleinkinderabteil auskommen muss? Die - seltsam wirkende - Frage stellt sich nun bei einer Bahnfahrt von Salzburg nach Wien, denn mit dem Fahrplanwechsel führen die ÖBB, wie das neue Kursbuch enthüllt, neue "Namenszüge".

Bei dieser Massentaufe hat offensichtlich die Werbeabteilung kräftig mitgemischt. Daher gibt es nun einen ÖBB-Eurocity Urlaub am Bauernhof oder einen Intercity  Hotel IBIS.

Selbstverständlich ist garantiert, dass der ÖBB-EC 568 Österreichisches Bundesheer Pazifisten und Wehrdienstverweigerern seine Türen öffnet und im IC 797 Unser soziales Österreich nicht nur Arbeitslose oder Frührentner, sondern auch ein Kärntner Landeshauptmann Platz findet. Ob man im Bio Ernte Austria eine nicht ausreichend kontrollierte Wurstsemmel verzehren darf, muss sich weisen.

Ein Zungenbrecher

Dem Vernehmen nach können Fahrdienstleiter einen Sprachkurs absolvieren, stellt doch "Achtung, Bahnsteig 3, der Intercity Elisabethb. schauspielhaus sbg fährt ein" selbst versierte Redner auf die Probe.

Im IC 531 Schutz und Hilfe hat man sich einfach wohl zu fühlen, ebenso im IC 535 Familienland Österreich, hingegen ist noch abzuwarten, ob der IC 540 Palais Kaufmännischer Verein oder der IC 646 ROCO Modellbahnträume die Ansprüche erfüllen. Studenten sei zu IC 539 Universität Klagenfurt, EC 566 Universität Innsbruck oder IC 941 Universität für angewandte Kunst geraten.

Endlich hat die Fantasie der ÖBB-Fahrplangestalter neue Wege der Verwirrung gefunden. Wenn ein Donau-Kurier von Wien nach Dortmund fuhr, dann gab es auch einen Zug desselben Namens in der Gegenrichtung. Mit diesem einfallslosen System wird jetzt langsam Schluss gemacht.

Der ICE 766 bfi.bildungs-express durchläuft die Strecke Wien-Innsbruck, der IC 532 bfi.bildungsexpress bedient die Relation Wien-Villach. Mit einem Zug namens WIFI kann man von Wien nach Bregenz, aber auch von Wien nach Villach fahren, die zwei Berlitz Sprachcenter verteilen sich gleichmäßig auf Süd- und Westbahn. Vorsicht scheint beim EC VSV geboten, denn das EC ist Teil des Namens, kein Eurocity, es handelt sich um einen Eilzug.

Wenn der IC 643 Neusiedler See auf seiner Reise von Salzburg nach Wien weit vom namengebenden Gewässer entfernt bleibt, nimmt man das hin, auch der Orient-Express Paris-Wien spürt nicht den leisesten Hauch des Morgenlandes, und über die Wechselstrecke verirrt sich ein Südbahn-Sprinter. Dass aber der IC 656 1100 Jahre Stadt Mödling den Namensgeber und Sponsor ohne Halt durchbraust, könnte vielleicht den Bürgermeister aufregen. Das Namensfüllhorn ergießt sich auch auf Personenzüge wie den zwischen Friesach und Kärntens Hauptstadt verkehrenden Bücher bei Heyn Klagenfurt.

Offen bleibt, welcher Werbetrick hinter dem im Fahrplanbild 230 (Zell am See-Krimml) aufscheinenden Pinzga Dampfzügl steckt.

  • Artikelbild
    grafik: derstandard.at
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