Der Steiermark droht ein Blackout

10. Dezember 2002, 17:40
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Rund um Graz bahnen sich kalifornische Zustände an: Weil der Stromverbrauch deutlich steigt und es zu wenig Leitungen gibt, könnten Stromausfälle zum Alltag werden

Wien/Graz - Der Verbund als Betreiber des Hochspannungsnetzes sieht sich immer mehr außerstande, die Stromversorgung der Industriebetriebe in der Steiermark sicherzustellen. "Wir haben dem Papierkonzern Norske Skog in Bruck mitgeteilt, dass die gesicherte Versorgung möglicherweise nicht mehr gegeben ist", sagte Verbund-Vorstandssprecher Hans Haider am Montagabend, "irgendwann ist der Ofen aus."

Der Verbund-Chef befürchtet, dass es ohne den Bau der umstrittenen Hochspannungsleitung durch das Kainachtal im Großraum Graz zunehmend zu Stromausfällen kommt. Hauptgrund: In der Region hat sich eine Reihe von industriellen Großverbrauchern niedergelassen, die zu einem deutlichen Wachstum des Bedarfs geführt haben, dem aber kein Netzausbau gefolgt sei. "Wir würden zehn Mal so viele Kapazitäten benötigen, wie Leitungen gebaut worden sind", erläuterte Haider.

Lage kritisch

Wie kritisch die Lage ist, wurde bereits vergangenen Freitag sichtbar: Durch starke Schneefälle auf der Koralpe gab es gravierende Störungen an der einzigen innerösterreichischen 380-Kilovolt-Anspeisung des Großraumes Graz und der südlichen Steiermark. Experten nennen die Leitungsprobleme eine schwere Bürde für den Industriestandort in der grünen Mark.

Auch heuer sei man beim Leitungsbau wieder keinen Schritt weiter gekommen, bedauert der Verbund-Vorstand. Dabei laufe das Verfahren schon seit dem Jahr 1984, ohne dass auch nur die erforderliche Umweltverträglichkeitsprüfung begonnen habe. Die Zeit drängt, macht Haider Druck auf die Landes- und Bundesbehörden. Sie müssten so rasch wie möglich für die Baugenehmigung sorgen.

Selbst wenn alles wie geschmiert laufen würde, könnte die Strecke ins Kainachtal frühestens 2006 fertig sein, da zur Verfahrensdauer rund eineinhalb Jahre Bauzeit dazukommen. Der Lückenschluss vom Umspannwerk Rotenturm im südlichen Burgenland nach Zwaring ins steirische Kainachtal südlich von Graz würde laut Haider bei einer Länge von rund 115 Kilometern etwa 120 Mio. Euro an Investitionen erfordern.

Versorgungsprobleme auch in Salzburg

Aber auch im Raum Salzburg gebe es wegen des Fehlens der 380-kV-Anbindung zunehmend leitungsbedingte Versorgungsprobleme. Grund: Das Projekt einer Leitung vom Kraftwerk Kaprun nach St. Peter bei Ranshofen liegt nach wie vor auf Eis. Diese geplante 380-kV-Verbindung habe eine Länge von 130 Kilometern, das Investitions_volumen belaufe sich auf 150 Mio. Euro, sagte der Verbund-Vorstandssprecher. Mit der Fertigstellung der beiden Leitungen wäre der 380-kV-Leitungsring vollendet, für den der Verbund seit Jahren massiv Lobbying betreibt.

Standort gefährdet

Auch die steirische Industrie schlägt Alarm. Die Versorgungssicherheit hänge an einem seidenen Faden. Ohne den Bau der 380-kV-Leitung könne die Stromverteilung nicht sichergestellt werden. Einige Industriebetriebe hätten durch Stromausfälle bereits Millionenverluste erlitten, kritisierte die steirische Industriellenvereinigung. Die schwache Energiesituation gefährde den Wirtschaftsstandort Steiermark, da eine kontinuierliche E-Versorgung nicht garantiert sei.

Dies beklagt auch der steirische Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl. Es sei zu befürchten dass die Ansiedelungspolitik aufgrund der Energiesituation Schaden nehme. "Es ist bereits zwölf, wir müssen handeln", sagte Paierl zum STANDARD.

Die jetzt bestehende 220-kV-Leitung sei völlig überlastet, bestätigt der Leiter des Hochspannungsbereichs bei der Steweag/Steg, Franz Strempfl. Besonders betroffen sei Graz, da nur eine einzige Anbindung ans Hochleistungsnetz bestehe, während etwa Linz über fünf Stationen zur Einspeisung verfüge und daher Ausfälle leichter verkraften könne.

Durch den strengen Winter habe man mit einem Zusatzproblem zu kämpfen: Aus dem Raum Wien fließe viel Strom in den Süden. Um physikalisch gegenzusteuern und den Zufluss einzudämmen, müsse man in Kärnten und der Steiermark nur deshalb Kraftwerke wie die alte kalorische Anlage in Mellach hochfahren und sogar Spitzenstrom aus dem Malta-Speicher einspeisen. (Walter Müller, Clemens Rosenkranz, DER STANDARD, Printausgabe 11.12.2002)

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