Weinbauern zittern vor EU-Erweiterung

10. Dezember 2002, 18:34
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Vor allem im Osten fürchten die Weinproduzenten um ihre Existenz - Ungarn am Besten vorbereitet

Wien - Durch den Beitritt der zehn Kandidatenländer wird die jährliche Weinproduktion der EU in einem ersten Schritt - gemessen an der durchschnittlichen Produktion zwischen 1995 und 2000 - um rund 4 Prozent bzw. 6,5 Mio. Hektoliter ansteigen, die Refläche um rund 5 Prozent bzw. 178.000 ha, schätzt Rudolf Schmidt, Wein-Experte im Landwirtschaftsministerium. Rechnet man auch Rumänien und Bulgarien dazu, die erst in einem zweiten Schritt EU-Mitglieder werden sollen und gleichzeitig die größten Weinproduzenten unter den Beitrittsländern sind, steigt die Produktion in der EU um 9 Prozent und die Fläche gar um 16 Prozent.

Die Weinwirtschaft bzw. Winzer in den fünf EU-Beitrittländern, mit nennenswerter Weinproduktion, sehen dem EU-Beitritt mit Skepsis entgegen. "Auf die tschechische Weinwirtschaft kommen schwere Zeiten zu", sagte etwa Milan Ballik, vom Weinbauzentrum vor kurzem in einem Interview mit der tschechischen Nachrichtenagentur CTK. Er verlangt etwa Aktivitäten für den Export von tschechischem Wein.

Keine Übergangsfristen

Offizielle Übergangsfristen für die Weinwirtschaft sind nicht vorgesehen, damit fallen jetzt noch bestehende Zölle bzw. Kontingentierungen mit dem voraussichtlichen Beitritt am 1. Mai 2004. In den meisten Ländern ist die Angst, von den imageträchtigeren französischen bwz. italienischen Weinen überschwemmt zu werden, groß. Umgekehrt fürchtet sich die EU vor einer Welle von Billigweinen, beschreibt Schmidt die Situation.

Laut Schmidt sind die Sorgen auf beiden Seiten übertrieben: Er ortet in allen Ländern großen Nachholbedarf in legistischer Hinsicht (Flächenerfassung etc.), weil nicht zuletzt die Inanspruchnahme von EU-Fördergeldern großen Verwaltungsaufwand mit sich bringt, sowie in der Verarbeitungstechnik.

Ungarn am Besten vorbereitet

Der größte Weinproduzent unter den jetzigen Kandidaten ist mit Abstand Ungarn. Ungarns Winzer sind laut Schmidt auch vergleichsweise am Besten auf den Beitritt vorbereitet. Vor allem in den bekanntesten Anbaugebieten wie Tokay und Erlauf sei in den vergangenen Jahren mit ausländischem Geld - darunter auch Winzer aus Österreich oder Frankreich - eine schlagkräftige Weinwirtschaft entwickelt worden. Die Ungarn-Tochter von Henkel bewirtschaftet etwa bereits rund 1 Prozent der Rebfläche. Im größten Weinanbauareal, in der ungarischen Tiefebene, mangelt es allerdings noch an Verarbeitungskapazitäten. Die Winzer rufen dort daher nach Subventionen für eine Ausbau der Kapazitäten.

Im Schnitt der Jahre 1995 bis 2000 produzierten die ungarischen Winzer bei einer etwa doppelt so großen Fläche wie Österreich rund 4 Mio. Hektoliter. 75 Prozent davon sind Weißweine, etwa ein Viertel Rotweine. Die Exporte - meist bereits in Flaschen - liegen mit 800.000 hl rund vier Mal so hoch wie in Österreich.

Slowenien ist laut dem Experten ebenfalls auf gutem Weg. Angesichts des hohen pro Kopf Verbrauchs von 45 Liter (Österreich: 30 Liter) und der hohen Preise werde das Land "ein interessanter Markt für alle gestandenen Weinländer in der EU", so Schmidt. In Slowenien sei auch die Direktvermarktung bereits weit entwickelt, außerdem bestehe kaum Exportdruck. Die Frage für die Winzer ist eher, die heimische Nachfrage zu bewältigen.

Auch in Tschechien und der Slowakei ist die Struktur der Weingärten - historisch bedingt - sehr zersplittet und kleinteilig. "Hier wird sich sicher in den nächsten Jahren eine Winzerstruktur herausbilden", so Schmidt. Internationale Investments in den Weinbau gibt es im Bier-Land Tschechien kaum. Die großen Sektproduzenten holen ihre Grundweine großteils aus Österreich und Italien. Angesichts der hohen Weinpreise sei das Land künftig auch ein klassischer Nachfragermarkt. Derzeit ist vor allem der tschechische Markt mit Zöllen auf Importweine von 25 bzw. 75 Prozent extrem abgeschottet. Grundweine für die Sektproduktion werden eingeführt. Weinexport spielten für diese Länder bisher kaum eine Rolle, der Nachholbedarf ist sowohl bei der Struktur als auch bei der Verarbeitung groß.

Ein weiterer Weinproduzent unter den Kandidatenländern ist Zypern. Vier Fünftel der Produktion von zuletzt durchschnittlich 500.000 Hektoliter gehen in den Export, bisher jedoch vor allem außerhalb der EU, Importe gibt es kaum. (APA)

  • Österreichs Weinbauern bangen um ihre Zukunft - auch und vor allem im wunderschönen Purbach am Neusiedlersee.
    foto: purbach.at

    Österreichs Weinbauern bangen um ihre Zukunft - auch und vor allem im wunderschönen Purbach am Neusiedlersee.

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