Die erzwungene Entwurzelung

6. Dezember 2002, 21:51
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Realismus als Thema in Worten und Bildern: Zum Hundertsten von Carlo Levi ("Christus kam nur bis Eboli")

In Handschellen kam er in Aliano an, einem abgelegenen Flecken in der Mondlandschaft Lukaniens. So steht es auf der ersten Seite seines in 37 Sprachen übersetzten Buches Christus kam nur bis Eboli, für das Sartre ein Vorwort schrieb. Carlo Levi, der Verbannte, der zeitlebens für Freiheit und Autonomie gestritten hat, war einer der Köpfe der antifaschistischen Untergrundorganisation "Giustizia e Libertà". Der riesige Erfolg seines bewegenden Berichts über die archaischen Verhältnisse im Mezzogiorno, die er während seiner "Konfinierung" im Jahre 1935 erlebt und 1944 beschrieben hat, machte Carlo Levi nach dem Krieg derart berühmt, dass er - wie mir Pia Vivarelli, die Präsidentin der Fondazione Carlo Levi in Rom in einem Interview sagte - seine Tätigkeit als Maler völlig verdunkelte.

Als bedeutender Maler des Realismus ist Carlo Levi (1902 - 1975), der am 29. November einhundert Jahre alt geworden wäre, im deutschsprachigen nahezu unbekannt, obwohl er allein fünf mal auf der venezianischen Biennale vertreten war. Geboren und aufgewachsen in einer bürgerlichen, gleichwohl sozialistisch eingestellten Familie in Turin, hatte Levi sich schon als Schüler gegen den Faschismus engagiert, der in Turin, dem industriellen und intellektuellen Zentrum Italiens in den 20er und 30er Jahren, schon vor den Sondergesetzen von 1926 Militanz zeigte.

Als kritischer Publizist, der 1958 das geteilte Deutschland bereiste, war Levi für die mit dem Wiederaufbau beschäftigten Deutschen unwillkommen. Auch als sozial engagierter realistischer Maler - neben Renato Guttuso der bedeutendste Italiens - passte er nicht ins westliche Nachkriegsdeutschland. Denn der Realismus galt als eine durch die völkische Nazi-Malerei diskreditierte und überhaupt längst überholte Position, da doch die ungegenständliche Malerei sich endlich durchgesetzt und Westdeutschland kulturell den Anschluss an die internationale Entwicklung gefunden hatte.

Der Realismus blieb der DDR überlassen, die ihn als "Sozialistischen Realismus" - mit der berüchtigten Widerspiegelungstheorie unterfüttert - zum Dogma erhob. Levi sympathisierte mit der italienischen KP immerhin so sehr, dass er sich - wie auch andere Intellektuelle von Rang als - unabhängiger - Senator aufstellen ließ. Pia Vivarelli bezeichnet das politische Engagement als Kern von Levis malerischer Tätigkeit. In der Auseinandersetzung zwischen den gegenständlichen und den ungegenständlichen Malern, die in Italien nach dem Kriege mit Leidenschaft ausgetragen wurde, polemisierte Levi gegen den "astrattismo", dem er Feigheit vor dem Leben vorwarf. Die abstrakten Maler seien schizophren, denn sie lebten in zwei Welten. "Abstrakt" war für ihn der Ausdruck der Entfremdung vom wirklichen Leben.Politisch sei Levis Malerei, sagt Vivarelli, "weil er sie nicht als Flucht, nicht als Augenschmaus verstanden hat, sondern immer als Werkzeug, um die äußere Realität bewusst zu machen." "Bewusst machen?"

Dazu erzählt Levi, dass, als er am Ort seiner Verbannung, von einem Haufen Kinder umgeben, einmal ein Bild malte, ein Bauer gekommen sei, das fertige Bild genommen, es zu seinem Haus getragen und es draußen an die Hausmauer gehängt habe. "Sie erkannten auf dem Bild den nackten Hügel im Hintergrund, auf dem sie ein Leben lang gehackt hatten. Diese Orte hatten nun endlich einen Namen, eine existentielle Sicherheit, eine Form: sie waren zum ersten Mal real. In ihren Mienen stand das seltene Glück der Entdeckung, sowohl von sich selber wie von der Welt". Dies ist die politische Dimension seiner Kunst.

Der politische Künstler ist hier weder Aufklärer noch Agitator, aber er öffnet den in Selbstverständlichkeiten des Alltags ganz versunkenen Menschen die Augen. Er schafft ihnen die Möglichkeit, selbstdenkend die Wirklichkeit neu und anders zu sehen. Realismus ist für Levi ausdrücklich keine Widerspiegelung des Gegebenen, sondern im Gegenteil das Herausarbeiten einer noch ungeäußerten, verborgenen Realität. Sein Stil zeichnet sich durch flüssige Formen aus, als entsprächen sie einem bewegten vorzeitlichen Chaos. Ein Rezensent sprach vom "Brodeln des Werdens". Levi hat viele berühmte Leute porträtiert, darunter Anna Magnani, Italo Calvino, Frank Lloyd Wright, Pablo Neruda, der ihn eine "Eule" nannte, weil er bis in die Dämmerung weiter zu malen pflegte, wobei er - die "toscano" zwischen den Zähnen - die Modelle in lange Gespräche verwickelte, die sie aus dem Status eines Objekts erlösten und den Porträts große Lebendigkeit verleihen. Oft gleichen die mit breitem Pinsel und starken Farben gemalten Gesichter Landschaften - das andere große Thema des Malers, der in den 30er Jahren in Paris zwischen den Künstlern vom Montparnasse gelebt hatte.

In seinem Atelier in Rom fanden sich in den 50er Jahren oft Bittsteller aus Lukanien ein, die ihm Öl, Wein und Käse mitbrachten. Seit seiner Verbannung trat Levi in Reportagen, als Kolumnist der Stampa und Parlamentarier für "seine" armen Bauern ein, die ihn in Aliano als Wohltäter verehren. Levi erhoffte sich eine Erneuerung der Gesellschaft durch eine Bauernerhebung - als Fortsetzung der resistenza, in der sich Intelligenz und Bauern näher gekommen waren. Die durch die sozialen Verhältnisse erzwungene Entwurzelung der armen Bauern und ihre Emigration prangerte Levi als das größte denkbare Unrecht an.

Was immer man im Zeitalter der Globalisierung von seiner gesellschaftspolitischen Position halten mag, Levis Ausspruch "Lukanien ist überall" mit Bezug auf die so genannte Dritte Welt ist bedenkenswert. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2002)

Von
Burkhard Brunn

Das Jüdische Museum in Frankfurt/Main wird dem Maler voraussichtlich Ende Januar die erste größere Ausstellung in Deutschland ausrichten.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Carlo Levi im Mezzogiorno

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