Amoklauf im Schnellimbiss

6. Dezember 2002, 20:50
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"All Families Are Psychotic" auf deutsch: Douglas Coupland scheitert an verkorksten Familien

Douglas Coupland wollte diesmal einen Roman schreiben, der wirklich flott ist. Der programmatische Originaltitel All families are psychotic drängt sich nun derartig in den Vordergrund, dass sich das Buch gefallen lassen muss, daran gemessen zu werden. Auf Deutsch stachelt die Variante Alle Familien sind verkorkst jedenfalls zum Widerspruch an. Die Überlegung liegt nahe, das US-Modewort psychotic sei nicht ganz deckungsgleich mit dem etwas klinischen "psychotisch", doch das Wort "verkorkst" ist unter Umständen doch eine Spur zu verkorkst.

Wie auch immer, die Familie Drummond, von der Coupland erzählt, ist am verkorkstesten. Vater Ted schießt auf den HIV-positiven Sohn Wade, die Kugel durchdringt diesen und endet im Körper von Mutter Janet, die von da an infiziert ist. Sohn Bryan leidet unter wiederkehrenden Selbstmordversuchen, wogegen Tochter Sarah, von Geburt an einhändig (Contergan-Opfer), normal zu sein scheint - allerdings hyperberühmt. Sie sitzt in Cape Canaveral und soll jeden Moment ins All fliegen. Im Geheimen plant sie, in der Schwerelosigkeit ihren Verlobten Howie mit einem Mit-Astronauten zu betrügen.

Was dann passiert? Kurzer Auszug: eine Schießerei in einem Schnellimbiss, ein Herzinfarkt in Disney-World, ein Wettrennen um den Abschiedsbrief von Prinz William an seine Mutter, eine Aids-Schnellheilung durch Blutaustausch mithilfe eines deutsch-schweizerischen Pharma-Jedi-Ritters und einer Uganda-Lady. Zusätzlich mehr Familienstreit und Familienabrechnung, als in einer durchschnittlich verkorksten Familie wohl in zehn Generationen vorkommt. Zusammengehalten wird die Handlung von der uramerikanischen Lebensweisheit der 65-jährigen Mutter Janet, die z. B. vor Sex im Internet nicht zurückschreckt: "Sie fragte sich nur, wieso Männer nach diesen ununterscheidbaren, sich stets wiederholenden Aufnahmen gierten, als würden sie eines Tages auf das ultimative Foto stoßen, das all die anderen überflüssig machte."

Geistreiche Details, kraftvolle Dialoge - würde man das nicht an früheren Coupland-Texten messen, wäre das beste Unterhaltung. Aber irgendwie fehlt das Herz, die Aufrichtigkeit und die Tiefe, durch die sich die Bücher des Kanadiers auszeichneten. Immerhin hat er bei seinem Debüt Shampoo Planet (1992) schon einmal eine packende Familiengeschichte erzählt. Danach kam Generation X (1994), eine immer wieder als "Kultbuch" verkannte, viel gekaufte und wenig gelesene Kurzgeschichtensammlung. Mit Microserfs (1995) gelang ihm eine spektakuläre Milieuschilderung aus der Banalwelt der Bill-Gates-Menschen, Girlfriend in a Coma (1998) gilt bei vielen als bester Endzeitroman des 20. Jahrhunderts. Bei All families are psychotic (2001) weisen die Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit der irrsten Zufälle und die stoische Ruhe, mit der sich die Protagonisten in die absurdesten Situationen stürzen, allzu deutlich auf den Verfilmungsdrang des Stoffes hin. Nach über 300 Seiten findet sich die außergewöhnlich verkorkste Familie Drummond in trauter Eintracht fähnchenwinkend auf der Ehrentribüne beim Shuttle-Start zusammen, mit Bandagen, Gipsbeinen und blauen Augen.

All families are psychotic ist gerade durch seine Exaltiertheit zu einer braven Fingerübung geworden. Die Übersetzerin Tina Hohl hat eine fantasievolle und mutige Version des Couplandschen Textes abgeliefert, gegen die Inflation der "Oh-oh"s und der nervigen US-Kursivierung einzelner Wortteile war auch sie machtlos. "Wieso sind Europäer eigentlich immer so leicht zu erkennen?", heißt es im (für die Drummonds) versöhnlichen Schlusskapitel. Man möchte darauf antworten: Müssen die Figuren in US-Romanen eigentlich immer eine Silbe pro Satz besonders betonen? (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2002)

Von
Martin Amanshauser

  • Douglas Coupland, Alle Familien sind verkorkst. Aus dem Englischen von Tina Hohl,   20,50 EURO336 Seiten. Hoffmann und Campe 2002.
    foto: hoffmann und campe

    Douglas Coupland,
    Alle Familien sind verkorkst.
    Aus dem Englischen von Tina Hohl,
    20,50 EURO
    336 Seiten.
    Hoffmann und Campe 2002.

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