Die Diskriminierung im Kopf

10. Dezember 2002, 12:03
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Frauen können immer noch nicht alles erreichen, was sie wollen, finden Expertinnen: Gesellschaftliche Mechanismen verbarrikadieren die Wege nach oben

"Das Glas ist halb voll und halb leer", konstatiert Johanna Hofbauer vom Institut für Soziologie der Wirtschaftsuni Wien: Einerseits sind Frauen heute besser gebildet und jünger qualifiziert denn je. Andererseits reicht ihre Karriereleiter selten über das mittlere Management hinaus. Die Gründe dafür, meint die Soziologin, seien alles andere als explizit.

So seien einerseits Frauen durch bessere Sprachkenntnisse und geänderte Job- und Verkehrsstrukturen, die auch ein Familienleben ermöglichen, mobiler als früher. Positionen im Ausland erscheinen daher attraktiver. Aber "im Unterschied zu früher ist heute der Karrieresprung nach einem Auslandsaufenthalt nicht mehr garantiert", meint Hofbauer. Daher "überlassen Männer diese Positionen den Frauen, die - unwissentlich - damit nur scheinbare Karrieresprünge machen".

Johanna Hofbauer ist eine der 17 Autorinnen in dem von Christine Goldberg und Sieglinde Rosenberger herausgegebenen Band, "KarriereFrauenKonkurrenz". Die Wissenschafterinnen nehmen die Chancen und Probleme weiblicher Berufstätigkeit in einer veränderten, von Konkurrenzdenken und Globalisierung geprägten Arbeitslandschaft unter die Lupe. Für Hofbauer, die zum Thema "Arbeit und Geschlecht" unterrichtet, verbarrikadieren vor allem alteingesessene gesellschaftliche Mechanismen den Weg an die Spitze: "Das ist ganz fest drinnen im Kopf": Männliche Vorgesetzte stellen etwa "lieber jemanden ,anderen' - also eine Frau - hinten an als einen Mann." Die Motivation dafür konnten befragte Firmenchefs nur rudimentär darlegen, "zum Beispiel, weil jemand den richtigen Stallgeruch hatte oder weil man mit ihm auf ein Bier gehen kann", sagt Hofbauer und meint weiter, dass man also nicht behaupten könne, Frauen würden "bewusst ausgeschlossen oder offen diskriminiert."

Das "Bier", bei dem oft wichtige Zusatzinformationen ausgetauscht werden und für das viele Frauen auch wegen der Kinderbetreuung kaum die Zeit finden, versuchten Silvia Bierbaumer und Daniela Kersic, Gleichbehandlungsbeauftragte im Sozialministerium, auf beruflicher Ebene zu ersetzen. Innerhalb eines Mentoring-Projekts definierten Mitarbeiterinnen des Ministeriums ihre Ziele und wurden von erfahrenen Kolleginnen zu deren Erreichen an der Hand geführt und geschult - "mit dem Ziel, mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen", so die Initiatorinnen. Evaluiert wird das Projekt im Frühling 2003.


Kinderbetreuung
Den nötigen Freiraum, um sich ein Netzwerk aufzubauen, verschaffen natürlich auch Kinderbetreuungseinrichtungen im Betrieb, meint Mitherausgeberin Christine Goldberg. Dabei hätte man in den USA eine signifikante Entwicklung erkannt: In einem getesteten Konzern mit umfassender Kinderbetreuung hätte sich gezeigt, dass sowohl Frauen als auch Männer, deren Kinder bis in den Abend hinein versorgt waren, nicht nur länger arbeiteten, "sondern sogar Interesse am Familienleben verloren. Sie fanden berufliche Beziehungen interessanter als familiäre, weil sie konfliktfreier sind", berichtet Goldberg. Frauen hätten noch einen weiten Weg vor sich, findet die Professorin am Insititut für Soziologie: "Wenn Frauen beruflich so agieren können wie Männer, zerfällt der familiäre Zusammenhalt. Eine radikale Neudefinition der Geschlechterverhältnisse ist also unumgänglich." (Eva Stanzl/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.12/2002)

Buchtipp

Christine Goldberg, Sieglinde Rosenberger (Hrsg.)
"KarriereFrauen
Konkurrenz"
Studienverlag, Innsbruck 2002, €24
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