Ein Balkon ward geboren

6. Dezember 2002, 21:21
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Salzburger Causa Kleines Festspielhaus: Ausstellung aller Projekte, gewürzt mit einer "Chronologie der Ereignisse"

Weil die Salzburger Festspiele selbst dazu nicht in der moralischen Lage waren, stellt nun die Initiative Architektur Salzburg alle Projekte des Verfahrens Kleines Festspielhaus aus und würzt die Schau mit einer "Chronologie der Ereignisse".


Nein, es war keine Premiere, so weit wollen wir in unserer Rezension gar nicht gehen. Es war vielmehr ein Schaustück in vielen schillernden Akten, ein Possentheater alter Tradition, das man wahrlich noch nicht untergegangen glauben darf.

Die "liebe Familie" agierte hier in Stegreifform, stets zu allerlei Mätzchen bereit, zu charmanten Kulissenscharmützeln und platten - hahaha! - Untergriffen. Sehr talentiert und sehr erfolgreich, man muss es ihr lassen, die Mit- oder Gegenspieler, wie auch immer man das sehen will, verkamen zu blässlichen Geschöpfen der Requisite, mit anderen Worten, sie spielten eigentlich keine wesentliche Rolle, denn was Sache war auf dieser Bühne, das machte sich die "liebe Familie" schon rechtzeitig ganz weit hinten in den Kulissen aus.

Die zahlenden Gäste waren wieder einmal die Architekten, die sich blauäugig in dieses Schauspielverfahren gestürzt hatten und sehr viel Geld dafür zahlen durften, der Lächerlichkeit und ihrer Ohnmacht preisgegeben zu werden. Die staunenden Zuschauer blieben großteils stumm, der Applaus blieb gänzlich aus, doch wen schert das schon?

Das Verfahren um das Kleine Festspielhaus in Salzburg wird insofern doch in die Geschichte eingehen, als hier ganz offen und unverschämt gespielt wurde, wie ein Architekturverfahren mittels der rechten Gutachter und Sachverständigen so lange durchgeprobt, durchgespielt und inszeniert werden kann, bis endlich derjenige allein im Rampenlicht steht, der offenbar schon vor dem sich öffnenden Vorhang dazu auserkoren gewesen war.

So schön, so klar haben wir schon lange nicht mehr vor Augen geführt bekommen, wie die Fäden der Macht sich zu Stricken verdichten, wie der amikale Umgang mit Festspielgranden und Landesvätern Türen, Tore, Auftragsbücher öffnet, wie listig weniger Gesalbte ausgetrickst werden und wie wenig das, was man Qualität und Aufrechtigkeit nennt, doch zählen, wenn es um Macht und Prestige geht.

Eigentlich sollte die Szene der Architektur des Dankes voll sein für ein Schaustück wie dieses, sie sollte es glorreich in die Annalen eingehen lassen - allerdings als Relikt und Mahnmal, und als letztes großes Theatergemetzel einer unkultivierten und gänzlich uneuropäischen Verhaltensform. Denn es muss, so sagt man, immer schlechter werden, bevor es besser wird.

Doch da war doch noch etwas? Ach ja, die Architektur. Immerhin ging es doch irgendwann angeblich einmal um sie, und deshalb wollen wir Ihnen das von anderer Seite veröffentlichte Siegerprodukt dieses Theaterwettbewerbes keinesfalls vorenthalten.Von 12. bis 14. Dezember stellt die Initiative Architektur im Großen Saal des Künstlerhauses (Hellbrunner Straße 3, 5020 Salzburg) jeweils von 12 bis 19 Uhr in subversiver Selbstorganisation alle Projekte in allen Stufen samt einer "Chronologie der Ereignisse" (erstellt von Norbert Mayr) öffentlich aus.

Was zeigt sich? Wilhelm Holzbauers Entwurf darf auch in architektonischer Hinsicht als Absturz bezeichnet werden. Der selbsternannte Clemens-Holzmeister-Protektor, der die Kostbarkeit der architektonischen Dachlandschaft des Meisters pries, als andere sie aufstocken wollten, reißt nun selbst den Dachstuhl ab und setzt ein plumpes Kapperl aufs Haus. Er, der andere anklagte, weil sie eine alte Mauer zur Felsenreitschule entfernen wollte, der empört ob dieser Verletzung der "Tabuzone" zum Vergabekontrollsenat und damit in die Arme des Gutachters Hans Lechner (der nach eigenen

Angaben dem Standard gegenüber in der Mehrzahl der in Bau- und Architekturdingen befassten Senate tragende Rollen spielt) lief, reißt sie nun selbst ab, um sie durch eine raumsparendere Konstruktion zu ersetzen. Damit halt noch ein paar Sitzplätze mehr hineingepfercht werden können, damit dann die wieder neu herbeigerufenen Gutachter vermeintliche Bonuspunkte vergeben können.

Die markanteste Intervention in Holzmeisters Haus stellt der große Balkon an der Stadtfassade dar: Ein täppisches auskragendes Konstrukt, eine Tribüne, auf der man die Herrscher im Land der architektonischen Un-Demokratie schon huldvoll lustwandeln und auf das Reich da unten hinabwinken sehen darf. Plumper geht es wohl kaum.

Was Bewertungskommissionschef Carl Fingerhuth bereits im Sommer des Vorjahres als "zu alt" und als "konventionell und traditionell" befunden hat, übergab sich in der Überarbeitungsphase vollends der Reaktion.

Der Salzburger Architekturkritiker Norbert Mayr nennt Holzbauers Entwurf im nächsten Architektur & Bauforum (erscheint am 19.12.) "historisierende Unzeitgemäßheit" und schlussfolgert: "Traurig und fatal ist, dass Holzbauer, der Holzmeister für seine Zwecke nur benutzt hat, damit - wohl irreversibel - eine wichtige Grundsatzdiskussion ohne Holzmeistersentimentalitäten verhindert hat." Und: "Der Festspielhausskandal wächst sich zur internationalen Blamage aus."

Fazit: Das neue Kleine Festspielhaus in Salzburg ist abgestanden und verstaubt, bevor es noch in Bau gegangen ist. Den Vergleich mit den zeitgenössischen namhaften Opern- und Konzerthäusern dieser Welt wird man mit diesem Konstrukt der Vorgestrigkeit tunlichst scheuen müssen, will man sich nicht in Blut und Boden genieren. Doch auch dafür wird die "Liebe Familie" ganz sicher umsichtig Sorge tragen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2002)

  • Holzbauer
    foto: atelier holzbauer

    Holzbauer

  • Hermann & Valentiny / Wimmer-Zaic
    foto: atelier hermann & valentiny

    Hermann & Valentiny / Wimmer-Zaic

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