Hickory und Chips

11. Dezember 2002, 20:48
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Eine kleine Geschichte des Skibaus und dem Streben nach Kontrolle des technisch Möglichen

"Hauptbedingung für einen guten Schi ist abgelagertes, langsam aber vollständig getrocknetes Holz, das fachgemäß behandelt wurde, und das nicht vor Alter mürbe geworden ist, tot und brüchig wurde. Das ist eigentlich so selbstverständlich, dass darüber weiter gar nichts zu sagen ist. Wer sich Schier anschaffen will, der steht heute eigentlich nur noch vor der Frage: Esche oder Hickory?" Henry Hoek – Der Schi, 1925

Neben Gedanken über die Geometrie von Skis, die erst in den letzten Jahren wieder mehr in den Focus der Konstrukteure gerückt sind, beschäftigt seit jeher die Frage nach geeigneten Materialen und Bauweisen die Köpfe von Entwicklern, Quer- und Vordenkern. Seit der Entdeckung von Skis als Fortbewegungsmittel war die Wahl des richtigen Holz Diskussionspunkt für Schnitzer, Tischler und Wagner, die Sympathie für einen lebendigen Baum, der dem Ski Seele verlieh, entscheidend für die Qualität in einem Stück gefertigten Geräts. Anfang der sechziger Jahren planten die Franzosen eine Revolution im Rennsport. Metallskis wählten sie als Wunderwaffe, der durchschlagende Erfolg blieb allerdings vorerst aus. Mit der brauchbaren Verbindung von Entwicklungsansätzen und vor allem Materialien in Sandwichbauweise wurde der erste revolutionäre Schritt in Richtung moderne Skitechnologie erst am Ende des Jahrzehnts möglich gemacht.

Schub in den 70ern

In den siebziger Jahren erlebte der Skisport enormen Aufschwung, die Notwendigkeit den Skibau zu Industrialisieren brachte Schäumtechniken mit sich, die je nach Aufwand die Herstellung mehr oder minder guter Skis in Massenfertigung erlaubte. Doch auch hier spielt die Aufmerksamkeit des Menschen der die Maschine bedient nach wie vor eine bedeutende Rolle. Ganze Serien (Montagsskis) können unbrauchbar werden, wenn der Maschinist die Verstopfung von mikrofeinen Einspritzdüsen durch Granulatteile übersieht und so ungewollte Hohlräume entstehen, die negativ auf die Elastizitätseigenschaften wirken und sogar Bruchstellen erzeugen. Eine namhafte österreichische Skimarke produzierte damit sogar ihr finanzielles Desaster. Beim Bau der verfeinerten Carvingkonstruktionen, die erst am Beginn einer neuen Entwicklungsstufe stehen, greift man deshalb, vor allem bei hochwertigen Modellen, oft gerne wieder auf Sandwichbauweise zurück, die Präzision und Versuch in Handarbeitsqualität erlaubt.

Utopien

Aus den Entwicklungslabors dringen Aufsehen erregende Gedanken in die Öffentlichkeit. Man experimentiert zum Beispiel mit moderner Fasertechnologie, die in der Lage ist mechanische Impulse in elektrische Energie umzuwandeln. Je größer die Kraft, um so mehr elektrische Energie erzeugt sie. Wenn die Fasern umgekehrt einen elektrischen Impuls erhalten, verformen sie sich und wandeln so diese Energie in eine mechanische Kraft um. Je aktiver man fährt desto härter arbeiten die Fasern. Diese Errungenschaft, die bereits in die Praxis umgesetzt wird, kann in Zukunft auch mittels Chiptechnologie unterstützt werden. Auch der Ansatz, Dämpfung durch chemische Reaktionen in Flüssigkeiten zu erzielen ist bereits weit mehr als Science Fiction. Die Untersuchung thermodynamischer und magnetischer Reaktionen in anderen Forschungsfeldern lässt Visionen zu, die nicht nur mehr ferne Utopien zu sein scheinen.

Chancengleichheit

Am tiefen Boden ihrer Realität hat sich die FIS der Aufgabe zu stellen, durch Reglementierung von Ausrüstungsnormen das Prinzip von Sicherheit und Chancengleichheit zu wahren. Jüngster Delinquent, Jernej Koblar, disqualifiziert wegen Verwendung Luft undurchlässiger Unterwäsche, ist tragischkomisches Beispiel für die heikle Grenze zwischen Norm und Trickserei. Während die FIS neben der Luftdurchlässigkeitsgrenze von Anzug und Unterbekleidung auch ganz klare Spezifikationen der Geometrie von Skis vorschreibt, gibt es keinerlei Einschränkung für Konstruktionstypen und Bauteile. In Zukunft könnte auch die Bewertung von Zusatzgeräten im Hinblick auf innovative Skitechnologie einiges Kopfzerbrechen bereiten. Momentan sind Vorrichtungen die artfremde Energie einbeziehen nicht zulässig - z.B. Heizungen, chemische Energiespeicher, elektrische Batterien, mechanische Hilfe, usw. Die Innovatoren des Skibaus müssen im Konkurrenzdruck ebenso schnell arbeiten wie ihre Protagonisten auf der Rennstrecke. Am Rande der Piste könnte deshalb ein spannendes Rennen starten - zwischen Hightech im Skibau und dem Weitblick der technischen Überprüfungskommission der FIS, die im Dschungel der neuen Ressourcen nur mehr spärlich Esche und Hickory entdecken wird.

NACHLESE

--> Ski like a Woman
--> Gedanken zum Thema Skistock
--> Das Kriterium des ersten Schnees

Die Skikolumne von Nicola Werdenigg

Link

www.kunstpiste.com kurven, schnee und menschen eine schneegazette von nicola werdenigg & friends

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