Tarwater: "Dwellers on the threshold"

    21. Oktober 2005, 20:15
    posten

    Düsternis light ist das Markenzeichen der Elektroniker aus Bayern

    Hier endet Europa, so beginnt "Dwellers on the threshold". Auf Norwegisch gesprochen von Gastkünstlerin Tone Avenstroup - und wäre es nicht an der Sprache, müsste man meinen, aus Versehen eine Lali Puna-CD eingelegt zu haben, so sehr erinnert der aus Synthie-Basslinie, Klicks und lakonischer Frauenstimme zusammengesetzte Eröffnungstrack an die Elektroniker aus Bayern.

    Die unteren Schichten der Atmosphäre ...

    Interessant, dass Tarwater es bislang noch nicht zu breiterer Aufmerksamkeit geschafft haben. Vor zwei Jahren hatte das Berliner Duo mit "Seven ways to fake a perfect skin" zwar einen Mini-Hit, seitdem grundeln sie jedoch wieder eher unter der Oberfläche dahin wie Fische im teerversiegelten Meer vor Spanien.

    Grundeln beschreibt den nicht einordbaren Sound Tarwaters ganz gut, für den es allerdings noch ein Wort gäbe: unaufgeregt. Ronald Lippok und Bernd Jestram pflegen auf bemerkenswert leichtfüßige Weise eine Düsternis light, wie sie in den 80er Jahren andere deutsche Bands wie die Kastrierten Philosophen oder 39 Clocks vertraten. Inzwischen ist allerdings die Beat-Revolution über den Kontinent gezogen, und darum tragen nicht mehr Gitarren den Sound, sondern der Laptop.

    ... sind die dichten

    Jedes der Tarwater-Stücke entsteht als Klangraum aus mehreren elektronischen Schichten, zwischen die sich unaufdringlich Lippoks Erzähler-Stimme schiebt (von Singen kann man da eher nicht sprechen ... der deutliche Akzent ist übrigens ein weiteres Element, das an die oben genannten Referenz-Bands erinnert). Kein Wunder auch, dass Tarwater gerne Klang-Installationen für andere Kunstprojekte schaffen.

    Auch die Kategorisierung als Datapop- oder Indietronics-Band funktioniert aber nicht so recht. Denn zwischen Klicks und Beats tauchen auch Streicher, eine Harfe, eine Melodica und anderes "echtes" Instrumentarium auf. Und wenn schon Elektro-Pop und 80er-Reminiszenzen - dann ruhig mal abseits der abgegrasten Stellen: "1985" erinnert nicht zu knapp ans seinerzeit enorm erfolgreiche Penguin Cafe Orchestra (warum hat sich die Eighties-Verwurstungsmaschinerie darauf eigentlich noch nicht gestürzt?): flockig-melodiös, nicht zuletzt durch den Schlagzeugeinsatz von Fela-Kuti-Drummer Nicholas Addo-Nettey.

    Das Ende?

    Poesie und Musik verschmelzen im Schlussstück "Imperator victus", das die resignative Lyrik Hart Cranes mit für Tarwater-Verhältnisse fast schon sommerlichen Klängen verbindet. Crane beging übrigens Selbstmord, indem er in den Ozean sprang. Irgendwie schließt sich damit doch der Kreis. (Josefson)

    Tarwater auf Kitty-Yo

    Hörprobe: "Tesla"

    Tarwater: "Dwellers on the threshold" (Kitty-Yo 2002)

    Anspieltipps:
    Das Eröffnungsstück "70 rupies to paradise road", "1985", "Imperator victus".
    • Artikelbild
      foto: kitty-yo/???
    • Artikelbild
      coverfoto: kitty-yo/robert lippok
    Share if you care.