Der emanzipierte Zierfisch

10. Dezember 2002, 14:16
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Mit einer "Nora"-Version nach Ibsen mit der fabelhaften Anne Tismer in der Hauptrolle beweist Thomas Ostermeiers Berliner Schaubühne zuletzt vermisste Entschiedenheit und zeigt - einen Abgesang auf den Konsumterror.

Berlin - Über dem Ku'damm ein vorweihnachtliches Lichtermeer: Der norwegische Kronprinz Hakoon hat am Platz vor der Gedächtniskirche eine norwegische Tanne zum Leuchten gebracht. Der Norden diktiert den Advent, und die Schaubühne am Lehniner Platz legt mit Henrik Ibsen nach: mit einem Puppenheim in norwegischer Fassung, bei uns nur als Nora bekannt - mit Zwergen, Trollen und Lebkuchen.

Folgerichtig ist das Puppenheim von Regisseur Thomas Ostermeier ein schicker Loft am Potsdamer Platz, mit viel Holz, Licht und Luft. Ausgestattet von Jan Pappelbaum, mit einem zentral ins Auge springenden Aquarium, worin sich die Helden abkühlen und ihre Zuneigung zu kleinen Fischen bekunden.

Die Frau als Fetisch und Lustbonbon

Ostermeier versetzt Nora in die unmittelbare Gegenwart. Die Theaterbroschüre zitiert Lara Croft, Naddel und "Nörchen" aus der literarisch hochwertigen Bohlen-Familie. Eine Frau, kindlich, naiv, wird von ihrem Mann, dem just zum Generaldirektor aufgestiegenen Herrn Helmer, wie ein Zootier gehalten. Im schicken Prada-Kleid kommt Anne Tismer total erschöpft mit tausend Einkaufstüten nach Hause - vom Gemahl als "Schneckchen" oder "Eichhörnchen" begrüßt. "Alles meins", könnte man mit Helmer sagen: die Frau als Fetisch und Lustbonbon.

Nora jubiliert über ihre Möglichkeiten: "Geld macht frei", erzählt sie ihrer Haushaltshilfin (Agnes Lampkin) und wirft sich vor Glück in die Lederkissen. Noch ahnt sie nicht, dass Helmer sie nur benutzt, ein Juwel wie das große Kandinsky-Gemälde an der Wand. Nora prostituiert sich ohne Scham: "Hast du Spaß, gefall' ich dir?" - Das brave Püppchen im Haifischbecken des Geldmarktes.

Bis ZeugInnen der Vergangenheit auftauchen: der kleine Bankbeamte Krogstadt, bei dem die Direktorsfrau ein gefälschtes Darlehen aufnahm, die gute Busenfreundin Frau Linde, die sich, "Bussi Bussi", einen Job erschleicht. Es ist ausgerechnet der von Krogstadt, ihrem Ex, von Kay Bartholomäus Schulze als verwirrter Parka-Träger mit Munch-Verzweiflung im Gesicht gespielt. Über die vermeintliche Katastrophe kommen sie wieder zusammen, retten eigentlich die Ehe Helmers. Der Ball ist zu Ende, da kommt Krogstadts Brief mit sämtlichen Enthüllungen ins gläserne Heim geflattert. Daraufhin wird Nora von Helmer, den Jörg Hartmann als coolen Vertreter der New Economy gibt, zur Schnecke gemacht. Der Baum brennt lichterloh. Nora zieht aus, verlässt Mann, Heim und Kinder.

Geld macht (nicht) frei

1879, als Ibsen das Stück schrieb, war es ein unglaublicher Skandal; der Norweger musste einen anderen, einen erfreulichen Ausgang ersinnen. Das ist heute anders: Nora erschießt bei Ostermeier den Gatten mit kühler Distanz. Liebe - eine Sekundensache. Nora weiß, dass Helmer sie nur benutzt hat. Das ganze Magazin wird abgefeuert. Helmer landet im Aquarium: Wasserbestattung. Danach säubert Nora die Waffe, legt sie aufs Sofa und verschwindet mit erhobenem Haupt.

Getragen wird der knapp zweistündige Abend von der fabelhaften Anne Tismer. Bei Jürgen Kruse, am Anfang ihrer Karriere in Freiburg, gab sie noch das dumme Blondchen, das "Nörchen", mit ängstlich zuckendem Gesicht und Stotterattacken. Doch die weiteren Stationen bei Giesing, Castorf, Stein, Bondy und zuletzt bei Ostermeier, haben sie nun in die erste Reihe der deutschen Schauspielerzunft gespült.

Denn aus "Nörchen" ist endgültig die erwachsene Nora geworden. Wie sie lacht, wie sie weint, wie sie kobolzt und den Männern Avancen macht: eine wunderbare Vorstellung. So sah man, mit kleinsten Einschränkungen, einen hochgelungenen Abend an der Schaubühne. Und die norwegische Tanne an der Gedächtniskirche rief wieder ins Gedächtnis, dass Norwegen mit Jon Fosse und Henrik Ibsen ein gutes Pflaster für Ostermeier und die Seinen ist. Der schöne norwegische Baum darf jetzt 24 Stunden rund um die Uhr strahlen. Und die zuletzt etwas in Verruf geratene Schaubühne zeigt ihre Wichtigkeit an. (Christian Kageneck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.12. 2002)

  • Anne Tismer als Nora in der Berliner Schaubühne.
    foto: standard
    Anne Tismer als Nora in der Berliner Schaubühne.
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