"Alternative zum Euro wäre schlimmer"

6. Dezember 2002, 12:11
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US-Ökonom Barry Eichengreen, einer der ersten Befürworter der Währungsunion, im STANDARD-Interview

STANDARD: Die EZB hat sich mit ihrer Zinssenkung viel Zeit gelassen. Zu viel Zeit? Eichengreen: Die EZB hat stets auf neue Entwicklungen langsamer als die Federal Reserve reagiert. Das liegt daran, dass sie noch jung ist, das wird sich sicher ändern. Aber die Zinsen sind nicht die Hauptursache für Europas Wachstumsschwäche. Ich glaube nicht, dass frühere Zinssenkungen viel Unterschied gemacht hätten. Strukturprobleme werden dadurch nicht gelöst.

STANDARD: Zeigt sich hier nicht, dass die Eurokritiker Recht hatten, dass eine Zinspolitik für ganz Europa nicht passt? Eichengreen: Überlegen Sie doch, was im vergangenen Jahr passiert wäre, wenn es keinen Euro gegeben hätte. Der 11. September, der Kursverfall an den Börsen, die Bilanzskandale, die Aussicht auf einen Irak-Krieg - ohne die EZB hätte das in Europa starke Währungsschwankungen ausgelöst, die einige Notenbanken in Probleme und den EU-Verfassungskonvent ins Chaos gestürzt hätten. Eine einheitliche Geldpolitik ist unangenehm, aber die Alternative wäre noch schlimmer.

STANDARD: Sie waren ein früher Kritiker des Stabilitätspaktes. Kann dieser repariert werden oder gehört er abgeschafft?

Eichengreen: Der Pakt ist wichtig für die Glaubwürdigkeit der Währungsunion. Aber in seiner heutigen Form ist er pervers und gehört reformiert. Der Pakt sollte sich nicht mit Zahlen beschäftigen, sondern mit Institutionen. Länder, in denen die Zentralregierung Steuern einhebt und sie an Bundesländer verteilt, haben meist hohe Defizite. Problematisch sind auch ungesicherte Pensionssysteme und staatliche oder halbstaatliche Unternehmen, bei denen der Staat später zur Kasse gebeten werden kann. Die EU-Kommission sollte Länder danach benoten, wie sie Steuern einheben, die Pensionen sichern und privatisieren. Wer gut abschneidet, sollte Ausnahmen von der Dreiprozentgrenze des Stabilitätspaktes erhalten.

STANDARD: Würde das Deutschland aus seiner heutigen Klemme helfen? Eichengreen: Nein, denn dort ist das Pensionssystem ein Problem. Es ist ironisch, dass gerade das Land, dass den Stabilitätspakt wollte, jetzt darunter leidet. Aber dieses Dilemma wird nicht verschwinden, und es soll auch nicht.

STANDARD: Euro und Dollar schwanken derzeit um die 1:1-Parität. Wohin geht die Reise? Eichengreen: Es gibt gute Gründe für einen schwächeren Dollar, vor allem die Höhe des US-Leistungsbilanzdefizits. Aber Japans Wirtschaftskrise spricht noch mehr für einen schwächeren Yen, und auch für einen niedrigeren Euro gibt es starke Argumente. Deshalb halte ich die jetzigen Wechselkurse für richtig. Längerfristig wird der Dollar fallen müssen, aber das kann noch Jahre dauern.

STANDARD: Ist es für den Euro von Vorteil, mehr Wert zu sein als der Dollar? Eichengreen: Das ist irrelevant. Der Devisenmarkt ist kein Pferderennen, wo es einen Sieger gibt. Was den Euro in seiner internationalen Rolle stärken würde, ist das weitere Wachstum der EU-Finanzmärkte, des Handels und die Erweiterung der Eurozone. Schweden wird wahrscheinlich bald beitreten, und die Reformstaaten werden folgen.

STANDARD: Und die Briten? Eichengreen: Großbritannien will bei der Architektur der EU mitreden, doch derzeit sitzt es nicht immer am Verhandlungstisch. Das spricht sehr für den Beitritt zum Euro. Wie die Briten allerdings in einem Referendum entscheiden werden, wissen wir nicht. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 6.12.2002)

Als die meisten US-Ökonomen die Währungsunion noch belächelten, schrieb Barry Eichengreen von der US-Universität Berkeley bereits Bücher über den Euro. In Wien hielt er nun die erste "Marshall Plan Lecture" der Marshallplan-Stiftung. Eric Frey sprach mit ihm.
  • Barry Eichengreen
    foto: university of california

    Barry Eichengreen

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