"Mein Russland": Ganz persönliche Osterweiterung

23. Juli 2004, 15:05
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Ein Festivalerfolg frei nach Dogma-Vorbild: Barbara Gräftners sehenswertes Spielfilmdebüt "Mein Russland"

Wien - Auch in überschaubaren Filmproduktionslandschaften wie der österreichischen kann es passieren, dass man von Filmen überrascht wird. Manchmal werden solche Überraschungen dann auch noch prämiert, und als die österreichische Regisseurin Barbara Gräftner Anfang des Jahres beim Saarbrückener Max-Ophüls-Preis für ihr Spielfilmdebüt Mein Russland mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, setzte sie damit außerdem die Serie heimischer Festivalerfolge fort.

Mein Russland kommt nun in die heimischen Kinos und entwickelt frei nach Dogma-Vorbild ein großformatiges Familienporträt. Im Mittelpunkt der beherzten Low-Budget-Produktion steht das weibliche Familienoberhaupt, das sich in seinem aufgeräumten Alltag empfindlich gestört fühlt, als die Verwandtschaft der russischen Schwiegertochter in spe anreist.

Zunächst versucht Margit (Andrea Nürnberger), Bankbeamtin, geschieden und Mutter zweier erwachsener Kinder, allerdings, den Erwartungen und Gepflogenheiten zu entsprechen. Die Gastlichkeit, die sie an den Tag legt und die umfängliche Vorbereitungen nach sich zieht, ist gesellschaftlichen Regeln geschuldet. Hier lauert bereits erstes Konfliktpotenzial, weil kulturelle Unterschiede ebensolche Missverständnisse nach sich ziehen und Pflichterfüllung alleine - aufgekocht muss werden und das Eigenheim auf Hochglanz gebracht - die Ressentiments gegenüber den "Fremden" eher sichtbar macht als verschleiert.

Der Film scheint vor diesem Hintergrund anfangs in Richtung Realsatire zu laufen. Mit der Zeit allerdings gewinnen die Mitglieder des zunächst sehr typenhaft gezeichneten Familienensembles an Profil, und die Erzählung unterläuft damit simple Schwarzweißmalerei. Nach und nach werden die Motive der einzelnen Figuren durchsichtiger und dabei differenzierter, die innerfamiliären Abhängigkeitsverhältnisse deutlich, die Übermutter Margit auch an ihrem Arbeitsplatz als kompetent und eigenständig ins Bild gerückt. Die Darstellerinnen und Darsteller, zum Teil nicht professionelle Akteure, machen diese Entwicklungen plausibel. Nur die meist gehetzt wirkende Kamera be- ziehungsweise die unruhige Montage des Films stehen diesem Unternehmen bisweilen ein bisschen im Wege.

Die Regisseurin ist inzwischen bereits mit neuen Projekten beschäftigt: Zwei Dokumentarfilme und ein Spielfilm sind in Arbeit - weitere Überraschungen somit durchaus möglich. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2002)

Von Isabella Reicher

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Polyfilm Verleih

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    foto: polyfilm
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