Transluzenter Fun-Faktor

5. Dezember 2002, 14:15
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Koziol will mit nettem Büro- und Haushaltsallerlei Spaß und Leichtigkeit in Alltag und Arbeitsleben bringen

Es ist ja wahr: Arbeiten im Haushalt macht keinen Spaß. Und im Büro auch nicht immer. Gut, dass es kleine Helfer gibt, die immer fröhlich dreinschauen und uns die Alltagsarbeit erträglicher machen. So wie Archibald: Er trägt die praktischen Memo-Zettel, während Kumpel Dimitri unsere selbst gebrannten CDs mühelos auf seiner Hantel balanciert. Oder Norbert, der tagaus, tagein den Küchenschwamm im Maul hält, auf dass dieser trockne. Ganz zu schweigen von Winni-two. Im Gegensatz zu uns ist er sich nicht zu schade, Staub und Keksbrösel aus der Computertastatur herauszuklauben.

Norbert & Co. stammen von Koziol, einem Unternehmen im hessischen Erbach, das sich auf Haushalts- und Geschenkartikel spezialisiert hat. Das Sortiment: eine bunte Mischung von 700 Artikeln aus meist transluzentem Acryl in knalligen Farben und knubbeligen Formen. Versteht man Design als Kommunikation zwischen Produkt und demjenigen, der es benutzt, sollen Koziol-Artikel vor allem eines können, nämlich "positive Emotionen transportieren", meint Geschäftsführer Stephan Koziol.

Sein Vater legte vor 75 Jahren den Grundstein zum heute noch immer im Familienbesitz stehenden Unternehmen. Die Firmengründung ließ nicht erahnen, wohin der Weg einmal führen würde, denn Bernhard Koziol eröffnete 1927 eine Elfenbeinwerkstatt und schnitzte Broschen und Figuren in Odenwälder Tradition. Acht Jahre später folgte eine Anschaffung, die den Kleinbetrieb grundlegend verwandeln sollte. Mit einer handbetriebenen Spritzgussmaschine ließ sich der Schmuck maschinell aus dem neuen Material Kunststoff herstellen.

Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs konnte Koziol den Werkstoff für seine Entwürfe verwenden, dann musste die Firma zuerst Abzeichen für das Winterhilfswerk produzieren, später Rüstungsteile für Nachrichtengeräte und Zündeinrichtungen. Nach 1945 stellte der Betrieb vor allem Artikel des täglichen Bedarfs wie Kämme und Knöpfe her.

Dabei blieb es aber nicht lange: Als die Deutschen in den 50er-Jahren ihre Reiselust entdeckten, nutzte Koziol sie und erschloss der Firma mit dekorativen Souvenirartikeln einen neuen, riesigen Absatzmarkt. Das Sortiment umfasste so illustre Gegenstände wie goldene Hirsche, Stocknägel für Wanderer, Kuckucksuhren, Broschen mit Stadtansichten und Wetterhäuschen.

Das nachhaltigste Produkt Koziols ist aus kaum einer Kindheit wegzudenken: die Schneekugel (eine Idee, die allerdings schon 50 Jahre vorher der Wiener Alfred Percy gehabt hatte). Kleine Figuren unter einer Plastikkuppel voll Wasser, die sich durch Schütteln von Kunstschnee berieseln lassen. Echter Schnee war es, der Bernhard Koziol auf die "Traumkugel" (so der heutige, geschützte Name) gebracht haben soll. Die Geschichte dazu: 1950 blieb der Firmengründer mit seinem VW-Käfer im verschneiten Odenwald stecken und erblickte durch das runde Rückfenster drei Rehe im Schneegestöber. Die Idee für die erste idyllische Szenerie unter Glas war geboren, später folgten Freiheitsstatue, Engelschöre und vieles mehr. Auch abseits der Schneekugel wuchs das Sortiment an - um Schachspiele, Tischroulettes und Madonnen beispielsweise. Nicht immer arbeitete man ausschließlich mit Kunststoff. In den 70er-Jahren etwa boomten die rustikalen hölzernen Wandtafeln mit in Blech gestanzten Sinnsprüchen.

Als 1980 die Söhne Koziols die Geschäfte übernahmen, richteten sie sie neu aus: Man wollte weg aus der Andenken-Ecke, hin zu flotten Haushaltsgegenständen und Schreibtischutensilien. Weg von den Imitaten, hin zu klaren Formen und eigenständigem Design. Die erste Kollektion "Rio" von 1986 umfasste Becher und Kannen aus durchscheinendem Kunststoff - einem Material, das ein Jahrzehnt später zum Trend werden sollte, ob bei Alfi-Thermoskannen oder Apple-Computern.

Heute beschreibt Stephan Koziol den gestalterischen Schwerpunkt so: "Wir wollen kleine, optimistische Wesen schaffen." Die sollen den Kunden Nutzen und Spaß bringen - eine Botschaft, die offenbar besonders bei der weiblichen Kundschaft ankommt. In der Design- und Kommunikationsabteilung von Koziol arbeiten 14 Mitarbeiter daran, die Produktfamilie stetig zu erweitern. Etwa ein Drittel der Entwürfe stammt aus dem Haus, der Rest kommt von freien Designern.

Dabei setzt das Unternehmen auf Studenten und Autodidakten genauso wie auf bekannte Namen. Matteo Thun, Alessandro Mendini oder Platt & Young zählen seit Ende der Neunziger zu denjenigen, die die Handschrift von Koziol mit geprägt haben. Ansonsten hält Stephan Koziol wenig vom Hype um so genannte Stardesigner: "Hauptsache, sie haben ein wunderbares Gefühl für die Sache", umschreibt der Geschäftsführer das, was einen Designer von Koziol-Artikeln auszeichnet.

Zu diesem Gefühl gehöre auch herauszufinden: Was würde uns Spaß machen? Und wo fehlt uns etwas? Immer dabei ist das Augenzwinkernde, das Mehrdeutige: "Hinter jedem unserer Produkte steckt eine gewisse Ironie. Wer die Anspielung versteht, freut sich darüber." Solche Anspielungen sind auch für das kommende Jahr zu erwarten: Die Schneekugeln, seit 50 Jahren Dauerbrenner im Sortiment, werden in einer komplett neuen Kollektion erscheinen. Man darf annehmen, dass dann bei Koziol auch mit der eigenen Vergangenheit ironisch umgegangen wird. (DER STANDARD/rondo/Mareike Müller/6/12/02)

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