Die richtige Unterlage

19. Dezember 2002, 13:44
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Die Weihnachtsfeier dräut: Das prophylaktisch eingenommene Schmalzbrot, das Stamperl Öl davor, die Käsekrainer in weiser Voraussicht - die "Unterlage" im Lichte der wissenschaftlichen Betrachtung

Es ist jetzt wieder die Zeit, wo das betriebliche Miteinander bearbeitet wird. Und das heißt: Es muss getrunken werden, ob man will oder nicht, weil das baut die Hemmungen ab und löst etwaige Spannungen, und es tritt dann auch das wahre "Ich" hervor, und das kann für die Gruppendynamik ja hin und wieder auch recht hilfreich sein.

Das ist zumindest einmal der positive Effekt von kollektiven Besäufnissen bei betrieblichen Weihnachtsfeiern, der negative ist dergestalt, dass man sich die Droge, mit Hilfe derer dieser Effekt erzielt werden soll, nur selten selbst aussuchen kann. Weshalb man sich also mit Budget-freundlichem Bier, Preis-Leistungs-Wein und selbstgebranntem Schnaps die Sinne im Sinne der Gemeinschaft zu rauben hat. Noch schlimmer, wenn kollektiv zu Punsch und ähnlichen winterlichen Mischgetränken gegriffen werden muss, weil dann ist es mit kontrollierter Alkoholisierung überhaupt vorbei. Denn schließlich ist es draußen kalt, trinkt man in der dicht gedrängten Herde noch schneller und kann drittens sowieso nur ahnen, welcher Art die Bestandteile des Getränkes sind.

Also heißt es vorbeugen und sich eine so genannte "gute Unterlage" zuzulegen. Was im Volksmund bedeutet, dass man zuvor ordentlich was Fettes zu sich nehmen sollte, weil einem, so die Sage, der böse Alkohol dann nicht so viel oder nicht so Böses anhaben könne. Seit jeher verabreichen besorgte Eltern ihren heranwachsenden Sprösslingen daher im Angesicht des Unvermeidlichen wie Schulball oder Sommerfeste also dick geschmierte Schmalzbrote oder gar das Stamperl Olivenöl auf ex. Ob solches Verhalten tatsächlich einen messbaren Effekt nach sich ziehe, so Wolfgang Marktl vom Institut für Physiologie der Universität Wien, sei wahrscheinlich noch nie wirklich untersucht worden, "aber nur, weil sich vielleicht noch nie jemand dafür interessiert hat". Da sich aber vieles aus der Empirie ergebe, so der Mediziner, werde die Sache mit dem Öl schon durchaus Relevanz besitzen.

Nicht zuletzt deshalb, weil es schon ausschlaggebend für die Resorption von Alkohol sei, was man im Magen hat, so Marktl: "Man muss sich das schon physiologisch vorstellen, für die Vorgänge im Verdauungstrakt ist es keineswegs das Gleiche, ob man kohlehydratreich oder fettreich gegessen hat". Und da ein fettes Mahl die Resorption von Alkohol durchaus zu verlangsamen imstande ist und sich die Konfrontation der Leber mit dem Schadstoff in Folge besser verteilt, sei es also durchaus denkbar, dass die Wirkung des Alkohols gemindert werden könne, so Marktl.

Beim professionellen Hochleistungs-Trinken, etwa den Schnaps-Verkostungen im Rahmen der international durchaus anerkannten "Destillata", sei es dennoch nicht üblich, zuvor gemeinsam in die Käsekrainer zu beißen, so der langjährige Leiter der Verkostungen, Stefan Gergely. Mit einem "ordentlichen Frühstück" davor hätte aber auch er nur die besten Erfahrungen gemacht. Wobei als Schnapstester ohnehin nur Menschen in Frage kämen, die die genetische Veranlagung zum raschen Alkoholabbau besitzen: "Wer am Schluss vier oder fünf Promille hat, ist unbrauchbar".

Womit sich insgesamt also sagen lässt, dass die rechtzeitige Investition in ein Schmalzbrot oder eine Speckjause dazu führen kann, dass man seinen Job auch nach der Weihnachtsfeier noch hat. Und dass sich die schlechte Nachred' in Grenzen hält. (DER STANDARD/rondo/floh/6/12/02)

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    foto: cremer
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