Symbol ohne Status

6. Dezember 2002, 12:12
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Von Labelgläubigkeit hält Tomas Maier, Kreativdirektor bei Bottega Veneta, gar nichts. Er setzt lieber auf Individualität. Ein Porträt von Thesy Kness-Bastaroli

"Unsere Kunden haben Persönlichkeit und Stil. Sie müssen sich nicht erst über ein Label identifizieren." Tomas Maier, ehemaliger Designer bei Hermès und Sonia Rykiel und seit gut einem Jahr für die Kollektion von Italiens Edel-Lederwarenhersteller Bottega Veneta verantwortlich, hat bei dem Unternehmen so etwas wie eine Design-Revolution eingeleitet. Denn der überzeugte Antroposoph und Rudolf-Steiner-Schüler lehnt Oberflächlichkeit und Logos ab. Markenwaren als Statussymbol sind ihm ein Grauen. "Die Tasche muss der Individualität der Frau entsprechen", sagt er. Die so genannten "must haves", die Exklusivität versprechen, die dann aber doch jeder hat, gehören nicht zu seiner Kultur.

Die puristische Linie des 45-jährigen, in Deutschland geborenen und in Miami lebenden Kosmopoliten macht zurzeit in Mailand Schule. Sein Hang zur individuellen Produktgestaltung liegt genau im Trend. Andere Modegrößen wie etwa Giorgio Armani versuchen nun, mit "einer größeren Anzahl von Kollektionen, die auf den persönlichen Geschmack der Kunden zugeschnitten sind", ebenfalls in diese Richtung zu gehen. Tomas Maier lehnt - ähnlich wie Armani - jegliche Übertreibung ab und setzt auf Understatement.

Mit der pompösen Luxuswarenkultur des Gucci-Konzerns hat die vom deutschen Designer entworfene Lederwaren-, Schuh- und Bekleidungskollektion wenig zu tun. Es war aber Guccis Vorstandsvorsitzender Domenico Del Sole, der Tomas Maier nach der Übernahme der Edelfirma Bottega Veneta im Vorjahr die Kollektion anvertraute. Dass Del Sole einen sechsten Sinn für Trends hat, ist kein Geheimnis. Er bewies dies bereits in den Neunzigerjahren, als er den Texaner Tom Ford für die Gucci-Kollektion verpflichtete. Natürlich stieß er anfänglich auf scharfe Kritik. Dass ein Amerikaner für Italiens Nobelkonzern Mode entwerfen sollte, wurde von Insidern als Stilbruch angesehen. Bis offensichtlich wurde, dass er mit Tom Ford seinen größten Treffer erzielt hatte.

Nun hat Del Sole erkannt, dass die Zukunft der Luxuswaren nicht mehr in Kultlabels, sondern in der individuellen Gestaltung der Kollektionen liegt. Und er wagte es, ausgerechnet einem deutschen Stilisten die italienische Edelmarke Bottega Veneta anzuvertrauen. Die jüngste Kollektion von Tomas Maier, der die bisher eher klassischen Entwürfe entstaubte, aber trotzdem das Charakteristikum von Bottega Veneta - gewobenes besser gesagt geflochtenes Leder - bewahrte, gibt ihm Recht.

Sein puristisch sanftes Design, die Verwendung von gewobenem Leder auch bei Bekleidungsstücken wie etwa einem Mantel aus Flechtwerk und bei den Schuhen machten Furore: handschuhweiche Nappajacken mit Zippverschluss, Hirschledertaschen und gelackte Krokoaccessoires, Möbeldekorstücke wie die superlange Edelcouch mit Flechtbezug im Mailänder Showroom und exklusive Geschenkwaren. Beispielgebend ist auch die vom Designer strikt eingehaltene Strategie, keine Lizenzen zu vergeben.

Den hohen Ansprüchen des neuen Kreativdirektors wird ein Unternehmen wie Bottega Veneta, das auf hohem handwerklichen Niveau produziert, ohne Zweifel gerecht. Das 1966 in Vicenza von der Familie Moltedo gegründete Unternehmen ist in allem atypisch. Das Veneto ist seit Jahrzehnten auf die Herstellung von hochwertigen Schuhen (besonders in der Gegend von Riviera del Brenta) spezialisiert, nicht aber auf die Produktion von Handtaschen, die vorwiegend im Raum um Florenz hergestellt werden. Das im Bottega-Veneta-Labor erfundene Weben von Glattleder avancierte zum internationalen Symbol für höchste Handwerkskunst in der Lederverarbeitung und machte Vicenza als Taschenstadt berühmt. An einer Flecht-Tasche arbeiten mehrere Handwerker zwei volle Tage lang, denn die vom Unternehmen entworfene Technik erfordert den doppelten Ledereinsatz und macht daher das Produkt entsprechend teuer und kostbar, die Preise der Taschen liegen beispielsweise bei durchschnittlich 1200 bis 1500 Euro.

Ob es sich nun um die aus Leder gewobenen Taschen oder um feinste Glattlederjacken, um Krokoschuhe oder handbemalte Dekortische handelt, kein einziges Stück gleicht dem anderen. Individualität und Kreativität wird bei Bottega Veneta groß geschrieben. So sind in der Fabrik in Piacenza keine Arbeiter, sondern Handwerker beschäftigt. Natürlich ist die gesamte Lederwarenkollektion zu 100 Prozent "made in Italy".

Bottega Veneta spricht Kunden an, die nicht so sehr Mode, sondern eher das Kreative, das Ungewöhnliche schätzen. Daher will Tomas Maier auch zeitlose Produkte schaffen, die kein Logo haben, von einem eigenen "Look" lässt er lieber die Finger.

Vertrieben werden die Bottega-Veneta-Produkte in inzwischen 40 über die gesamte Welt verstreuten Monomarkengeschäften. Die edle Kleiderkollektion wird nur in den eigenen Boutiquen verkauft, Exklusivität auch durch limitierte Editionen bewahrt. Lederwaren werden hingegen auch über hochwertige Fachgeschäfte und Luxus-Corners in Warenhäusern vertrieben, in Wien ist Bottega Veneta bei Braun & Co am Graben, vorerst nur mit Taschen, vertreten. (DER STANDARD/rondo/6/12/02)

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    foto: bottega veneta
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