Gläubige Seeräuber, goldenes Handwerk

4. Dezember 2002, 22:27
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Die Geschichte der polnischen Sammlungen vom Mittelalter bis um 1800 illustriert das KHM in "Thesauri Poloniae - Schatzkammer Polen"

Wien - Wer Schlachtenbilder, Zunftkelche, Trinkhörner, Goldmonstranzen, Heiligenskulpturen, Reliquienschreine und sogar einen Ring mit dem Haar Kaiserin Maria Theresias, allesamt Objekte vom 12. bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert, unter einem Dach zu sehen bekommt, befindet sich mit Sicherheit in einer "Kunstkammer". Anhand solcher Objekte illustriert das Wiener Kunsthistorische Museum in Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum Warschau die Geschichte der polnischen Sammlungen.

Thesauri Poloniae - Schatzkammer Polen führt im "Polnischen Jahr in Österreich" auch ein wenig Geistes- und Kunstgeschichte in die geplante "Osterweiterung" ein. Aber es ist alles Europa, in dem Polen gegenüber "Westeuropa" immer eine Sonderstellung eingenommen hat - etwa eine Mischform aus französischer Mode, italienischer Kunst, persischen Stoffen, türkischen Waffen und chinesischem Porzellan. Erst mit der Aufklärung setzte eine "Europäisierung des Adels" ein, was immer das bedeuten mag. Die Zeit der Aufklärung - etwa mit einem ironisch-moralischen Bild des Jan Steen - ist das letzte der insgesamt fünf thematischen Kapitel der Schau.

Geraubter Altar

Die Schatzkammern der Kirchen und Klöster nehmen im katholischen Polen einen beachtlichen Teil ein, ein weiteres Segment ist den Kunstsammlungen der aufstrebenden Städte an den Beispielen Danzig und Krakau gewidmet. Dabei befindet sich auch das wohl spektakulärste Stück, Hans Memlings im Nationalmuseum Danzig untergebrachter, im Auftrag eines Brügger Direktors der Medici-Bank für Florenz angefertigter Dreiflügelaltar Das Jüngste Gericht. Ein Seeräuber raubte das Bild und schenkte es der Danziger Marienkirche.

Der Rundgang setzt sich fort beim Thema königliche Sammlungen sowie jenen des Hochadels. Darunter befindet sich auch so etwas wie ein Nationalschatz Polens, das älteste erhaltene Historiengemälde des Landes, die Schlacht bei Orsza, ein Massenszenen-Bild. Bei Orsza hatten die Armeen Polens und Litauens die Moskauer Armee geschlagen.

Die österreichisch-polnischen Beziehungen soll das Plakatmotiv untermauern, auf dem ein Reiter mit rot-weiß-roter Fahne zu sehen ist. Er entstammt dem 16 Meter langen Bildzyklus der so genannten Stockholmer Rolle, welche 1604 die Krakauer Hochzeitsprozession anlässlich der Heirat von König Zygmunt III und Erzherzogin Konstanze von Österreich dokumentierte. Die Rolle Polens in Europa wird auch immer konkreter. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2002)

Von Doris Krumpl

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www.khm.at

Bis 2.3.
  • Mittelteil von "Das Jüngste Gericht", Hans Memlings  Dreiflügel-Altar mit abenteuerlicher Geschichte(Zum Vergrößern anklicken)
    foto: khm

    Mittelteil von "Das Jüngste Gericht", Hans Memlings Dreiflügel-Altar mit abenteuerlicher Geschichte
    (Zum Vergrößern anklicken)

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