Die Bewerbung fürs Abseits

4. Dezember 2002, 22:43
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Stell dir vor, du bewirbst dich für einen Marketingjob bei der Fußball-Bundesliga und willst das wie 269 andere machen. Nur einer ...

Wien - Die Ausschreibung des Postens erfolgte über Inserate, in denen von einer Aufgabe im Sport, nicht notwendigerweise im Profi-Fußball, die Rede war. Wer sich meldete, wusste, dass Hannes Kartnig der Bundesliga bereits Peter Westenthaler angedient hatte. Ob die Ausschreibung und Selektionierung ernst gemeint oder eine Farce war, wird sich heute Abend im Naturhistorischen Museum zeigen, wenn der Aufsichtsrat den neben Thomas Kornhoff zweiten Liga-Vorstand aussucht und die Hauptversammlung ihn zur Kenntnis nimmt.

Das alles konnte der Bewerber freilich noch nicht wissen, also erkundigte er sich beim Headhunter nach den näheren Umständen des Angebotes und erfährt, dass der ausgeschriebene Posten nichts mit der künftigen Position Westenthalers zu tun habe, der Ex-klubobmann der FPÖ sei für den Pressesprecher im Magna-Konzern vorgesehen. Gut. Man kann also als einer von 20 Kandidaten, die aus 270 Bewerbern ausgesiebt werden, getrost annehmen, nicht gegen Westenthaler in einen politisch vielleicht heiklen, vielleicht aus anderen Gründen zu vermeidenden Wettbewerb eintreten zu müssen.

Mühle

Es erfolgt eine weitere Selektion, sechs Bewerber plus Westenthaler bleiben übrig. Es scheint, dass alle Anwärter durch die normale Headhunting-Mühle gedreht wurden, nur Westenthaler nicht. In der zweiten Runde hört sich die Anforderung bereits etwas anders an als am Beginn, neben der Agentur sitzt auch Liga-Vorstand Thomas Kornhoff dabei, und die Frage nach der Position Westenthalers wird prinzipiell ausweichend beantwortet, die Differenz von Ausschreibung und Westenthalers Position kann jeden falls nicht mehr aufrechterhalten werden.

Auf Nachfragen wird freilich versichert, die laufende Selektion sei keineswegs eine Farce, alles sei ernst gemeint. Es bleiben angeblich zwei Kandidaten plus Westenthaler übrig, beim Hearing in Oberwaltersdorf treten dann freilich sechs plus Westenthaler auf. Tage vorher können die Beteiligten in diversen Medien ihre Rolle und Lebensläufe nachlesen. Manche der Bewerber stehen in aufrechten Vertragsverhältnissen und rechnen nicht mit einer derartigen, berufsschädigenden Indiskretion. Einige, vor allem jene, die den neuen Job nicht kriegen (die meisten bis auf einen), fürchten um den alten.

Matura

Bei der Vorführung in Oberwaltersdorf, der Europa-Magna-Zentrale, hat jeder Mann wie bei der Matura 15 Minuten Sprechzeit, ohne Fragen, ohne Diskussion, für einen Vorstandsjob eines größeren Unternehmens eine nachlässige bis fahrlässige Vorgehensweise. Die Kandidaten wissen nicht einmal, was eigentlich verlangt wird. Die Bewerber, nach dem Oberwaltersdorfer Erlebnis ohnehin geplagt von Zweifeln an der Ernsthaftigkeit des Unternehmens, erfahren aus den Zeitungen, dass am 5. Dezember 2002 die Entscheidung fallen werde. Eine ganz und gar richtige Information. (DER STANDARD, Printausgabe, 04.12.2002)

Von Johann Skocek
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