Streit um Tabak-Werbeverbot

4. Dezember 2002, 13:57
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Kommunikations- Wissenschafter Donsbach: "Einfluss der Tabak-Werbung wird überschätzt" - Gegner: Werbung richtet sich (verbotenerweise) gezielt an Jugendliche

Hamburg - Zigarettenwerbung verführe die Menschen nach Ansicht des deutschen Kommunikationswissenschafters Wolfgang Donsbach nicht zum Rauchen. Ob jemand zum Raucher wird oder nicht, hänge vor allem von der ab. Von einem generellen Verbot für Zigarettenwerbung hält er daher nichts.

Der Kommunikationswissenschafter der Technischen Universität Dresden hat Studien überprüft, die der Tabakwerbung einen großen Einfluss speziell auf Jugendliche attestierten. "Das Problem der meisten Studien ist, dass zu weit reichende Schlussfolgerungen gezogen werden, die sich wissenschaftlich aber nicht halten lassen", meint Donsbach.

"Das menschliche Verhalten ist zu komplex"

Ziel der meisten Studien sei es, einen entsprechenden Einfluss der Werbung nachzuweisen. Und dafür würden oft gegenteilige Forschungsergebnisse gar nicht erst ausgewertet. "Außerdem ist es einfach das vorherrschende Paradigma heute, dass auch die Tabakwerbung starke negative Folgen hat. Davon ist kein Wissenschaftler frei", betont er.

"Das menschliche Verhalten ist zu komplex", sagt Donsbach. Wenn gerade Jugendliche so empfänglich für die Werbebotschafter der Zigarettenindustrie seien, müssten sie ja genauso zugänglich für die Gegenbotschaften sein, zum Beispiel für Anti-Raucher-Kampagnen oder auch die Warnhinweise auf den Schachteln. "Für Jugendliche spielt eine viel größere Rolle, ob zum Beispiel die Eltern rauchen." Und: "Solange das Produkt nicht verboten ist, kann man auch die Werbung dafür nicht verbieten."

Verstoß gegen Selbstverpflichtung?

Die Werbung für Zigaretten richtet sich entgegen einer Selbstverpflichtung der Tabakindustrie oft gezielt an Jugendliche. Wie aus einer am Mittwoch veröffentlichten Berliner Studie hervorgeht, werden die Models auf Werbeplakaten für die Glimmstengel von jungen Leuten häufig für jünger als 30 gehalten, obwohl dies das Selbstverpflichtungsabkommen der Tabakindustrie verbietet. Bei einer Befragung von insgesamt 600 Jugendlichen über zehn Werbeplakate in Berlin hätten 89 Prozent der Teilnehmer gesagt, sie hielten die abgebildeten Models für jünger als 30 Jahre. 55 Prozent der Befragten meinten gar, diese seien höchstens 25.

Als Verstoß gegen die Selbstverpflichtung könne zudem angesehen werden, dass die verwendeten Werbeslogans und Motive dem Lebensstil von Jugendlichen angepasst seien, heißt es in der Studie, die von der Dienststelle "Gesundheit 21" des Berliner Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf erstellt wurde. So werbe auf einem Plakat etwa der prominente Rennfahrer Michael Schumacher, auf einem anderen werde ein Sportler gezeigt, der sich während der Olympischen Spiele eine Zigarette mit einer übergroßen Fackel anzünde. Auf einem weiteren Plakat sei mit dem Spruch "Robin ist 'ne arme Sau" ein für Jugendlicher typischer Wortschatz verwendet worden.

Umfassendes Werbeverbot gefordert

Stefan Etgeton vom deutschen Bundesverband der Verbraucherzentrale erklärte anlässlich der Studie, die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigten, "dass sich die Industrie an ihre eigenen Regeln nicht hält". Der "Ärztliche Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit" betonte, die Studie zeige, dass die bisherigen Einschränkungen der Tabakwerbung "unbrauchbar und wirkungslos" seien.

Deshalb müsse es ein umfassendes Werbeverbot geben, was die deutsche Regierung bisher ablehnt. Die vereinbarten Selbstbeschränkungen der Industrie seien lediglich als Instrument dafür benutzt worden, um Forderungen nach weitergehenden Verboten abzuwehren. (APA/dpa)

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