Edlinger zieht aus Hohem Haus aus

4. Dezember 2002, 17:04
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Die Politkarriere begann beim Gulaschverteilen

Wien - "Es ist gut zu gehen, damit Junge nachrücken können." Und überhaupt, meint Rudolf Edlinger, werde er im Februar 63 Jahre alt. Zeit, sich aus dem Nationalrat zurückzuziehen und sein Mandat Jüngeren zu überlassen. Er geht nicht ohne Ratschlag an seine SPÖ: "Sie soll sich gut überlegen, mit der ÖVP zu koalieren. Ich habe an der Handschlagqualität führender ÖVP-Politiker Zweifel."

Und er geht nicht ohne einen Hauch von Wehmut - kein Wunder nach 46 Jahren Politik. Der Ungarnaufstand hat den gelernten Lithografen als 17-Jährigen zur Politik gebracht. Fürs Gulaschverteilen im Flüchtlingsgebiet nahm er Urlaub, von der Gulaschkanone stieg er rasant auf: Bezirksparteisekretär, Landesparteisekretär, Klubchef, Wiener Wohnbaustadtrat, Finanzstadtrat, Finanzminister. "Lieber" war er, erzählt er dem STANDARD, in der Wiener Kommunalpolitik: "Die ist viel konkreter als die Bundespolitik." Und seine "Lieblingsfunktion" war Klubchef der Wiener SPÖ: "Ich bin von meiner Neigung her eher Parlamentarier."

Auch deshalb hat er ab 2000 einen zweiten Frühling als Oppositionsabgeordneter im Nationalrat erlebt - mit spritzigen, angriffigen oder auch deftigen Reden. Manches Mal hat ihn dabei die Emotion übermannt - etwa beim berühmten Zwischenruf "Jetzt fehlt nur mehr Sieg Heil" nach einer Rede der FPÖ-Frau Helene Partik-Pablé. "Natürlich habe ich mich dafür entschuldigt", meint Edlinger - und muss sich gleich wieder aufregen: über die ÖVP, die ihm Wiederbetätigung vorgeworfen hatte: "Das zeigt, wie diese Partei agiert."

Er hat sich nach dem Wechsel vom Finanzministerium auf die Oppositionsbank auch eine neue Agitationsform zugelegt: die via Krawatte. Entstanden sei das zufällig: "Bei der Angelobung von Schwarz-Blau habe ich eine Krawatte mit Häschen angehabt. Jemand hat mich danach gefragt, ich habe den Schmäh mit ,Mein Name ist Hase‘ gemacht - und bin draufgekommen, dass man mit Krawatten ironisch sein kann." Zwei Dutzend solcher Krawatten hat er nun und wird sie auch in der Politpension tragen. Was er sonst in der Pension machen wird? - "Zeit für Frau, Kinder, Enkelkinder, Garten, Pferde, Schwarzkopfschaf Wolfgang, Hängebauchschwein Ignaz und die anderen Tiere haben. Und für Rapid." (eli/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.12.2002)

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    Edlinger: "Es ist gut zu gehen"

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