"Hervorragende Leistung im Sinne der Frauen- und Geschlechterforschung"

12. Dezember 2002, 09:16
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Maria Ecker wurde für ihre Arbeit über weibliche Holocaust-Überlebende in Israel mit dem Erika Weinzierl-Preis ausgezeichnet

Salzburg - Am 9. Dezember 2002 wurde erstmals der nach der Historikerin Prof. Erika Weinzierl, eine der ersten Universitätsprofessorinnen Österreichs, benannte Wissenschafterinnenpreis überreicht. Maria Ecker, die Preisträgerin des ersten Weinzierl-Preises ist ebenfalls Historikerin und beschäftigt sich mit der Geschichte des Holocaust – damit ist auch eine inhaltliche Nähe zur Namensgeberin des Preises sichtbar.

Die Jury des vom Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung und Beirat für Frauenforschung der Universität Salzburg ins Leben gerufenen Wissenschafterinnenpreises hat die Arbeit mit dem Titel „Man hat sich hier sehr fremd gefühlt...“ Weibliche Holocaust-Überlebende in Israel ausgezeichnet. Maria Ecker hat sich darin mit der Frage nach den weiblichen Holocaust-Überlebenden in Israel auseinandergesetzt und positioniert sich dezidiert im Bereich „Gender-Forschung des Holocaust“, ein Blickwinkel der im deutschsprachigen Forschungsraum noch relativ jung und auch mutig ist.

"Gender" in die allgemeine Geschichte eindenken

In der Laudatio hat Ingrid Bauer die Vorzüge im theoretischen und methodischen Umgang mit der Frauen- und Geschlechterforschung betont. Die Arbeit hat die Jury überzeugt, „durch eine besondere Differenziertheit im Umgang mit der Kategorie „Gender“, in dem Sinne, dass Gender wird nicht nur verwendet, sondern reflektiert wird als offene Kategorie, bei der nicht von vornherein feststeht, was sie im konkreten Untersuchungszusammenhang bedeutet bzw. was am Ende damit herauskommen muss.“ Außerdem „schließt Maria Ecker sich nicht jenem „Wettbewerb“ an, dessen „Ziel es ist, zu zeigen, ob bzw. dass es Frauen generell schlechter hatten und damit die ‚besseren’ Überlebenden sind“. Die Diplomarbeit ist damit, ohne das selbst so zu thematisieren, ein Baustein in einer aktuellen Debatte innerhalb der Frauen- und Geschlechtergeschichte: wie lässt sich der Fülle an Wissen, das im Rahmen der Frauen- und Geschlechtergeschichte bereits erarbeitet worden ist, ein größerer Stellenwert verleihen: wie kommen wir weg davon, Frauen- und Geschlechtergeschichte als Sondergeschichte zu betreiben, wie lässt sich „gender“ einschreiben, hineindenken in die so genannte Allgemeine Geschichte.“

Weibliche Erfahrung im kollektiven Gedächtnis

Resümierend wurde der Stellenwert in der historischen aber auch gesellschaftspolitischen Debatte sehr hoch eingeschätzt. Denn die Arbeit der Preisträgerin – so der Schluss der Jury – trage zur Aufnahme weiblicher Erfahrungen und Realitäten in das kollektive Gedächtnis und damit zu einer geschlechterdemokratischen Sensibilisierung im Umgang mit dem „Zivilisationsbruch: Nationalsozialismus“ bei, jenem Kapitel der europäischen Geschichte, welches das Nachkriegseuropa wohl am stärksten beschäftigt hat und das zu so etwas wie einem (vorerst negativen, aber durch seine Bewältigung positiv werdenden) Gründungsmythos einer aufgeklärten europäischen Identität geworden ist.

Die Diplomarbeit basiert auf Interviews mit zehn Holocaust-überlebenden Frauen, die Maria Ecker im Februar/März 2001 in Israel geführt hat. Die Interviewpartnerinnen sind alle in Mitteleuropa geboren, waren während der NS-Zeit in Konzentrations- und Vernichtungslagern interniert, und emigrierten nach 1945 nach Palästina. Thematisiert wird dabei zum einen die Frage nach der Integration der KZ-Überlebenden in die israelische Gesellschaft, zum anderen die physischen und psychischen Spätfolgen der KZ-Haft. Eine detaillierte Analyse erarbeitet Maria Ecker anhand zwei der erzählten Lebensgeschichten.

"Hervorragende Leistung"

Die "hervorragende Leistung im Sinne der Frauen- und Geschlechterforschung und der Relevanz für dieses Forschungsfeld" liege unter anderem im Versuch, Forschung, Erkenntnis und Wissen geschlechtersensibel zu organisieren und „gender“ als selbstverständliche Analysekategorie immer mitzudenken und zu zeigen, wie das funktionieren kann.

Die wissenschaftliche Aktualität und Originalität sei durch mehrere Aspekte gegeben: zum einen durch die Einbettung der Fragestellung in einen geschlechtergeschichtlichen Diskurs – im Sinne einer Gender-Forschung des Holocaust, zum anderen durch die selbst geführten Interviews mit weiblichen Holocaust-Überlebenden, die zum Teil erstmals über ihr Leben berichten sowie der Ansatz, die Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden nicht auf die Darstellung der Zeit in den Konzentrationslagern zu beschränken, sondern nach dem „Leben nach dem Überleben“ zu fragen.

Die Grande Dame Erika Weinzierl

Der Preis wird damit für eine Pionierinnenarbeit vergeben, in dem Sinne dass theoretisch und methodisch der Schritt von der Frauenforschung zur Geschlechterforschung als zentraler Leitfaden verfolgt wird. Sie belegt aber auch die Bedeutung eines Forschungsgegenstandes in einer Wissenschaftsdisziplin bzw. an einem Institut. In der Geschichtswissenschaft hat die Frauen- und Geschlechterforschung bereits eine lange Forschungstradition, diese wird nicht zuletzt auch in der Namensgeberin des Preises sichtbar: em. Univ. Prof. Erika Weinzierl, die Grande Dame der österreichischen Zeitgeschichtsforschung, hat über Jahre in Forschung und Lehre an der Universität Salzburg gewirkt – damals als eine der ersten Professorinnen Österreichs. Auch ihr 1975 erschienenes Buch „Emanzipation? Österreichische Frauen im 20. Jahrhundert“ nimmt im Kontext von Frauenforschung und Geschlechterdemokratie eine Pionierrolle ein: Es war hierzulande die erste umfassende und öffentlichkeitswirksame Bestandsaufnahme mit Blick auf die gesellschaftliche Realität von Frauen.

Zum Preis

Der Erika Weinzierl Preis 2002 war mit 1500,- € dotiert und wurde gestiftet vom Büro für Gleichbehandlung des Landes Salzburg, dem Frauenbüro der Stadt Salzburg und der ÖH Salzburg/Frauenreferat. Eine Fortführung dieser Auszeichnung ist in zweijährigem Abstand geplant und soll auch junge Nachwuchswissenschafterinnen motivieren, sich mit Diplomarbeiten und Dissertationen im Forschungsfeld der Frauen- und Geschlechterforschung zu positionieren. (red)

Preisverleihung

9.12.2002 um 19 Uhr

Ort: Kleine Bibliotheksaula, Hofstallgasse 4-6, Universität Salzburg

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    Archivbild Erika Weinzierl
  • Eine strahlende Preisträgerin mit der Namensgeberin Prof. Erika Weinzierl in der Gruppe der Jury, die die 18 eingereichten Arbeiten begutachtet hat. (im Bild v.l.n.r. Dagmar Stranzinger, Ingrid Bauer, Barbara Wicha, Maria Ecker, Julia Neissl, Erika Weinzierl, Doris Gödl, Romana Rotschopf; am Bild fehlen aus der Jury: Ulrike Brandl und Anita Pleschko).
    foto: zentrum für frauen-/geschlechterforschung
    Eine strahlende Preisträgerin mit der Namensgeberin Prof. Erika Weinzierl in der Gruppe der Jury, die die 18 eingereichten Arbeiten begutachtet hat. (im Bild v.l.n.r. Dagmar Stranzinger, Ingrid Bauer, Barbara Wicha, Maria Ecker, Julia Neissl, Erika Weinzierl, Doris Gödl, Romana Rotschopf; am Bild fehlen aus der Jury: Ulrike Brandl und Anita Pleschko).
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