Medizinische Hilfe nach Gewalt

10. Dezember 2002, 08:37
posten

Die Akut- und Langzeitfolgen auf die psychische, körperliche und sexuelle Gesundheit werden häufig unterschätzt

St. Pölten - Um eine frauengerechte Gesundheitsversorgung umzusetzen, hat die Europäische Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen oberste Handlungspriorität eingeräumt. Laut WHO müssen häusliche Gewalt und Vergewaltigung als Probleme der öffentlichen Gesundheit erkannt sowie wirksamere Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit von Frauen entwickelt werden.

Gewalt in der Familie/Paarbeziehung ist weltweit gesehen die häufigste Form der Gewalt gegen Frauen. Auch in Österreich ist die gesellschafts- und gesundheitspolitische Problematik der männlichen Gewalt im sozialen Nahraum für jede fünfte bis zehnte in einer Beziehung lebende Frau Realität. Weiters ist zu berücksichtigen, dass erwachsene Frauen, die im Gesundheitswesen Hilfe suchen, in ihrer Kindheit/Jugend von psychischer, körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt direkt betroffen waren sowie Zeuginnen von Gewalt wurden.

Schlüsselposition des Gesundheitswesens

Rund drei Viertel aller misshandelten Frauen brauchen medizinische Hilfe, weil sie die gesundheitlichen Auswirkungen von Gewalt nicht mehr bewältigen können. Somit sind ÄrztInnen, Krankenpflegepersonal, Hebammen u.a. in den rund um die Uhr zugänglichen Krankenhäusern häufig ihre ersten AnsprechpartnerInnen. Diese Tatsache macht deutlich, dass die MitarbeiterInnen des Gesundheitswesens bei der Erkennung von Gewalt, dem Verlauf der Hilfestellung und der Prävention von weiterer Gewalt an Frauen und Kindern eine zentrale Rolle einnehmen.

Projektleiterin DKS Anneliese Erdemgil-Brandstätter: "Die Akut- und Langzeitfolgen auf die psychische, körperliche und sexuelle Gesundheit sowie auf die soziale Gestaltung des Lebens sind komplex und werden häufig unterschätzt. Da viele Frauen oder Mädchen z.B. aus Angst vor weiterer Gewalt oder aus Scham- und Schuldgefühlen die Ursachen ihrer Verletzungen bzw. psychosomatischen Beschwerden verschweigen, kommt es in der täglichen Praxis des Gesundheitswesens immer wieder vor, dass sie nicht als Opfer von Gewalt erkannt werden."

Leitfaden

Das Bundesland Niederösterreich hat österreichweit eine Vorreiterinnenrolle im Gesundheitswesen eingenommen. Für eine frauengerechte Gesundheitspolitik steht nicht nur die seit dem Jahr 2000 flächendeckend angebotene Fortbildung zur Thematik der gesundheitlichen Auswirkungen von Gewalt gegen Frauen sondern auch ein vom Frauenreferat der NÖ Landesregierung, der NÖ Landesakademie und den frauenspezifischen Einrichtungen des Landes erarbeiteter Leitfaden „Gewalt gegen Frauen – Die effiziente Intervention im Gesundheitswesen“. Dieser informative Leitfaden ist für die tägliche Praxis gedacht und steht bereits tausenden MitarbeiterInnen des NÖ Gesundheitswesens zur Verfügung. (red)

  • Artikelbild
    bild: folderausschnitt
  • Der Leitfaden als pdf-File (Größe: 319 KB)
    Download
Share if you care.