Sloweniens Langzeitpremier und künftiger Präsident Janez Drnovsek

2. Dezember 2002, 20:01
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Kein Aufreger, aber reich an Erfahrungen

"Ich habe so viele internationale Erfahrungen in verschiedensten Situationen und Krisen wie kaum ein anderer Politiker in der Welt", sagt Janez Drnovsek über sich selbst, und kaum jemand inner- wie außerhalb Sloweniens bestreitet dies ernsthaft. Nur eine Erfahrung will der scheidende Regierungschef und künftige Staatspräsident partout nicht gelten lassen: dass er sich während eines Aufenthalts in Paris ein Kaffeeplauscherl mit Claudia Schiffer hat arrangieren lassen. Die Episode ist im Tagebuch des damaligen slowenischen Botschafters notiert, aber Drnovsek bestreitet sie als lächerlich.

Dabei hat sie ihm im Wahlkampf vermutlich mehr genützt als geschadet. Denn wenn manche Slowenen an ihrem Langzeitpremier, der seit 1992 fast ununterbrochen an der Spitze der Regierung stand, etwas auszusetzen haben, dann, dass er ein exquisiter Langweiler sei.

Dennoch hatte Drnovsek weniger gegen Untergriffe als gegen eine ernsthafte Konkurrentin zu kämpfen. Generalstaatsanwältin Barbara Brezigar versuchte es mit dem Rezept des Gegners - Betonung des Gemeinsamen, Versöhnung, Blick in die Zukunft - und kam dem Favoriten näher, als viele es noch vor kurzem für möglich gehalten hätten.

Letztlich gab aber doch die Erfahrung den Ausschlag. Und die ist, im Kontrast zum äußeren Erscheinungsbild des Siegers, aufregend genug, zumindest in den vergangenen 13 Jahren. Als promovierter Ökonom hatte Drnovsek, 1950 im untersteirischen Celje (Cilli) geboren, rasch Karriere im titoistischen Jugoslawien gemacht. 1989 wurde der weitgehend unbekannte Wirtschaftsexperte als Vertreter Sloweniens in das kollektive Staatspräsidium gewählt. Dabei setzte er sich gegen den Kandidaten des Partei-Establishments durch.

Im Mai desselben Jahres, als der Zerfallsprozess Jugoslawiens akut wurde, übernahm Drnovsek turnusmäßig den Vorsitz als formaler Staatschef. Seine Versuche, Jugoslawien als Konföderation freier Staaten zu erhalten, scheiterten. Während des Zehntagekrieges um die Unabhängigkeit Sloweniens im Juni 1991 war er auf slowenischer Seite der Hauptverhandler und erreichte schließlich den Abzug der jugoslawischen Bundesarmee.

Im März 1992 wurde er Vorsitzender der Liberaldemokratischen Partei, die aus dem kommunistischen Jugendverband hervorging, und kurz danach zweiter Regierungschef des unabhängigen Slowenien (nach dem Christdemokraten Lojze Peterle).

Als Staatspräsident wird Drnovsek, der nach eigenen Angaben eine Krebserkrankung erfolgreich überwunden hat, zwar weit weniger realen politischen Einfluss ausüben als bisher. Dass er sein Land in EU und Nato führt, dürfte ihm aber mehr als angemessenen Ausgleich bedeuten. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2002)

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