Jugend ohne Code in einer Welt aus Scham

2. Dezember 2002, 20:20
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Eine von Wehleidigkeiten und Wiener Tönen entkleidete "Liebelei" von Schnitzler im Hamburger Thalia-Theater

Michael Thalheimer (37) entkleidet im Hamburger Thalia-Theater Schnitzlers "Liebelei" aller süßen Wehleidigkeit und aller Wiener Töne - und befestigt seinen Status als womöglich stilsicherster Regisseur seiner Generation.


Die Liebelei aus Arthur Schnitzlers gleichnamigem Stück ist weniger ein Verbrechen an Mädeln als eine garstige Sünde aus Herzensschlamperei: Denn der Bummelstudent Fritz schenkt dem braven Bürgermädchen Christine zwar seine zerstreute Gegenwart, doch die laue, müde Seele hat er an eine andere, Verheiratete gekettet.

Wenn er also nun auf Christine trifft, beim Soupieren im Kerzenlicht, später beim Abschiednehmen in der Dachkammer, muss er sich vor ihr verleugnen: Er könnte sie wohl lieb gehabt haben, aber er muss ja fortgehen und sich vom Ehemann der Lebedame totschießen lassen.

Im Thalia-Theater hat Fritz (Hans Löw) die völlig gottergebene, aber von innen heraus leuchtende Christine (Maren Eggert) in einer Art Gedenkstätte für Liebestotschläger gegen eine Wand aus Betonplatten gedrückt. Hat dem in lebloser Verzückung brütenden Mädchen an das Gesäß gegriffen, sie herumgestoßen, als wollte er ein für alle Mal Liebe machen, um woanders, der Liebe wegen, nicht ins Gras beißen zu müssen.

Oder er hätte den Ernst gemacht, den die Gesellschaft und ihre leidigen Konventionen - das Fallen des Leitindex DAX, der 11. 9. oder das Sperren seiner goldenen Mastercard - ihm verwehren. Er hat sie wie ein hilfloser Hund aufs Hosenbein geküsst, sie wie einen Karton betastet, den man nicht zu öffnen weiß.

Christine, die vom parallel geführten Leben ihres Kavaliers wohl eine Ahnung hat, aber für den Verrat keinen Beweis, spürt seinen verdrießlichen Vorbehalt: sein zauderndes Umfallen.

Fritz, eigentlich ein jugendkulturelles Stück Angst mit offenem Slacker-Hemd und wehender Seele, fischt nach seiner missglückten Anbahnung von Intimität eine Stofffaser aus dem Mund. Also muss Christine für ihren eigensüchtigen Schlacks die Lücke büßen; sie erhöht, und darin liegt das rare Wunder des Stücks wie seiner völlig neuartigen Hamburger Inszenierung, die der famose Regisseur Michael Thalheimer als erkalteten Essay über das Wagnis namens Leben riskiert hat, ihren Einsatz; sie legt für den Zaudernden ihr verdoppeltes Gefühlsgeld noch einmal drauf.

Mehr Liebe geht nicht. In einer Welt, in der man Coca-Cola ohne Koffein und Dickmacher schlürft, um sich am Ersatzstoff zu berauschen, ohne das Produkt wechseln zu müssen, ist die Liebe der sicherste, aber auch unverbindlichste Verkehrswert: Er kursiert wie Plastikgeld in einem Gefühls-Monopoly.

Politik der Vagheit

Mit Liebe verknüpft sich eine vage Politik. Liebe, heißt es, befriedige die eigenen Bedürfnisse - und werfe für den anderen Gewinn ab: "Er" oder "sie" schenkt mir die fruchtbare Illusion, ich sei begehrt. Dafür kriegt "er" oder "sie" im Tauschwege "mich" ab. Kostet wenig, schafft Freuden.

An dieses zweifelhafte Geschäft knüpft sich ein synthetikbunter Strauß an Gebärden und Mustern. So wie auf der Thalia-Bühne (Einrichtung: Henrik Ahr), wo die nackten Gesichter der vier Liebesschausteller als Video auf Plastikbahnen reglos erstrahlen: Das "Ich" ist dasjenige, was die Freizeitindustrie und ihre bequem zu erfüllenden Vorgaben aus "mir" gemacht haben. Neben Fritz und Christine gibt es auch noch den ewig zum Grinsen aufgelegten Theodor (Felix Knopp), der zu den versehrenden Klängen eines Tindersticks-Songs seinen schweren Leib biegt wie eine massige Birke.

An seinem Steiß andockend: die immerzu ihre Gesichtszüge massierende, die Arme hochwerfende, das Krepp-Blouson richtende Mizi (Fritzi Haberland) - auf Pumps quert sie das Liebesmausoleum, als versuche sie, sich auf Zehenspitzen einen Weg durch das Feld des abgewrackt Sozialen zu bahnen.
Alle bekommen ab, was sie verdienen: Konventionen, die Thalheimer ausstellt wie Rufzeichen - die Texte davor und dahinter gießt er in Zeichen, während die Figuren festwachsen, in einen Panzer aus Scham gesteckt. Niemand kann und soll sie jemals knacken. Auch diese Achtung vor der Würde, vor dem Geheimnis der Leere, macht Thalheimer keiner nach. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2002)

Von Ronald Pohl aus Hamburg

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Thalia Theater

  • Schnitzler ganz ohne Wiener Schlamperei: "Liebelei" in Hamburg
    foto: thalia

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