Virtuelles Orchester stets verfügbar?

3. Dezember 2002, 21:21
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Computer-Klangbilder der Vienna Symphonic Library

Wien - Ein (virtuelles) Orchester, das rund um die Uhr zur Verfügung steht und bei dem der Komponist jeden Ton bis in die Nuancierung im Griff hat - diesen Musikertraum soll das Vienna Symphonic Library (VSL) ein Stück näher an der Realität bringen. Aus 1,5 Millionen Tonsamples, von Musikern renommierter Wiener Orchester eingespielt, können nach Vollendung des österreichischen Projektes vollständige Orchesterwerke auf Computer, Keyboard und Sampler so nachgebildet werden, dass der Klang dem realen Vorbild kaum nachsteht. "Nicht einmal Profis können das unterscheiden", so der Projektinitiator, Cellist, Filmkomponist und Regisseur Herb Tucmandl.

(Fast) alle Töne, die jedes einzelne Instrument in einem Orchester und kleine Instrumentengruppen (sowie ein paar seltene "Exoten") hervorbringen können, in unterschiedlichen Lautstärken und Spieltechniken und in einem normierten Verfahren aufgenommen, finden sich wahlweise auf DVDs oder in einer eigenen Hard-Disk-Edition, dem Symphonic Cube. Letztere wird 250 Gigabyte an Sampledaten enthalten.

Editieren selbst von Trillern

"Es ist alles vorhanden, was das Instrument kann", so Tucmandl. Über Sampler angesteuert, können diese Töne durch ein eigenes Performance Tool mit verschiedenen Nuancierungen, Legato, Staccato, Läufen und Trillern zu einem realistischen Orchestersound zusammengefügt werden. Wobei selbst bei den Läufen und Trillern jeder einzelne Ton editiert werden kann. Die Software "macht das Keyboard intelligenter", so Tucmandl. Sie erkenne, welcher Intervall gespielt wird, und holt aus dem Tonbestand selbstständig die entsprechenden Klangsamples.

Kein Denken in Einzeltönen

"Musiker denken nicht in Einzeltönen", so Tucmandl, der das VSL schon in Los Angeles vorgestellt hat und Dienstag, nun auch in Österreich präsentiert. Der wichtigste Unterschied des VSL zu bisherigen Orchestersound-Librarys sei demnach, dass für das VSL "Tonabfolgen aufgenommen und zerlegt werden und der Komponist diese Abfolgen nach eigenen Vorstellungen wieder zusammensetzen kann". Dadurch werde eine "größtmögliche Authentizität" gewährleistet.

Musik nicht nur im Kopf

Das VSL wendet sich, neben Tonstudios und der Filmwelt, vor allem auch als "Starthilfe" an wenig bekannte Komponisten, die dadurch die Chance haben, ihre Werke auch ohne kostspielige und oftmals kaum verwirklichbare Aufführungen "hörbar" zu machen. Dadurch könnten diese ihre Werke "vielleicht leichter an den Mann bringen". Auch einen pädagogischen Aspekt für Musikstudenten sieht Herb Tucmandl, vor allem in der "komplexen Materie" der Instrumentierungslehre. "Alle große Komponisten haben ihr Leben lang bei den Aufführungen ihrer Werke gelernt und diese Klang-Erfahrungen ins nächste Werk eingearbeitet". Mit dem VSL können Studenten und Komponisten nun "die Klangvorstellungen realisieren, die sie im Kopf hat".

Nieman will im Konzert einem Computer zuhören

Es sei "durchaus denkbar", CDs zu veröffentlichen, auf denen mit dem VSL eingespielte Werke zu hören sind - auf den Aufführungsbetrieb ist das jedoch nicht umzulegen. "Niemand geht in ein Konzert und hört dem Computer beim Spielen zu", so Tucmandl.

Aufgenommen werden die Instrumente mit Hilfe von über 30 Editing Engineers in einem eigens konstruierten, im Dezember des Vorjahres fertig gestellten Studio in Ebreichsdorf bei Wien, der so genannten "Silent Stage". (APA)

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    foto: vsl
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