Zum Umgang mit der Prüfungsangst

3. Dezember 2002, 10:35
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Hinter Slogans der Leistungsgesellschaft wie "Lebenslanges Lernen" verbirgt sich für manche lebenslange Prüfungsangst. Helfen können richtige Lehr- und Lernstrategien und psychologische Beratung

Der Magen wird nervös, die Knie weich und das Hirn leer: Prüfungsangst. In der Schulzeit ein bekanntes Problem, doch unter Erwachsenen eher selten? "Das glauben viele", betont die Trainerin und Psychologin Irene Prokop, "aber doch nur, weil man darüber in der Leistungsgesellschaft nicht spricht!" Im Gegenteil, Studien - darunter auch ihre eigene in Österreich - hätten gezeigt, dass der Anteil bei 40 bis 60 Prozent aller sich Weiterbildenden liege. Gerade wenn seit der Ausbildung viel Zeit vergangen ist, werden zusätzliche Hemmschwellen aufgebaut. "Und erwachsene Kursteilnehmer geben oft Ängste nicht so leicht zu", sagt Prokop: "Hier fehlt es an Problembewusstsein und solidarischer Gesinnung." Dabei könne Prüfungsangst durchaus ein Hindernis sein, sich rechtzeitig weiterzubilden.

Das zeigt sich auch bei den Teilnehmern an AMS-Qualifizierungsprogrammen am bfi Wien. Neben anderen Gründen - wie Zeitmangel oder Scheu vor Neuorientierung - berichten manche von früherer Furcht, sich in innerbetrieblichen Schulungen zu blamieren, schildert die bfi-Trainerin Gerti Bauer. Und: "Viele haben negative Erinnerungen an Prüfungssituationen, Schule und Lernen." Im Kurs selbst könne man gezielt gegensteuern: "Mit kleinen Zwischenprüfungen, Förderungen und indem man transparent macht, woraus sich die Note zusammensetzt", so Bauer. Das Einstiegsmodul für modulare Weiterbildungen wird als Lernwerkstatt gestaltet: "Da thematisieren wir die Fragen: Wie lerne ich, wie gehe ich mit Prüfungsangst um?"

Beratung im Vorfeld

Franz Stadler hingegen - er berät Bildungswillige am Wifi Wien - sieht Prüfungsangst eher als schulisches Problem. Zwar gebe es nach längeren Lernpausen manchmal Unsicherheit, doch generell sei "bei der Weiterbildung die Prüfungsangst ausgesprochen gering." Stadlers Erklärung: "Schließlich zahle ich dafür, dass ich den Trainer in Anspruch nehme." Wichtig sei die Beratung im Vorfeld: "Ich bespreche die Organisation des Lernens mit den Einzelnen im Vorfeld durch - das minimiert Prüfungsangst."

Lernstrategien seien wesentlich, betont auch Irene Prokop, und natürlich das richtige Verhalten der Trainer. Darüber hinaus fordert sie aber verstärkte Aufklärung und - vergleichbar den Schulpsychologen - Bildungspsychologen als Ansprechpartner in Weiterbildungsinsitutionen. Diese könnten auch dort helfen, wo die Prüfungsangst zur Krankheit wird.

Behandlung suchen

Denn: "Gesunde" Prüfungsangst aktiviert den Prüfling, doch pathologische Prüfungsangst kann Karriere und Existenz zerstören, wenn die Betroffenen die Aus- oder Weiterbildung abbrechen, statt sich dem Problem zu stellen. "Wenn die Prüfungsangst beeinträchtigend wird, ist eine Behandlung durch Psychologen oder Psychotherapeuten sinnvoll", rät Peter Berger, Oberarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH Wien. Symptome wie Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch oder ein trockener Mund lägen jedoch im Rahmen des Üblichen.

Hier können Entspannungs-oder Konzentrationsübungen, "Hirnfutter" (wie Nüsse) oder ätherische Öle helfen. Wobei auch Erwachsene nicht mehr als zwei Mittel gleichzeitig anwenden sollten, meint Prokop. Und: Der Prüfling soll sich ein kurzfristiges Ziel setzen und eine Belohnung definieren. "Selber belohnen ist wichtig - die äußere Bedrohung durch die Prüfung nimmt ab, die Situation wird kontrollierbarer", so Prokop. (Heidi Weinhäupl/DER STANDARD, Printausgabe, 30.11/2.12.2002)

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    foto: fotodisc
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