Piaggio rollt in schwere Krise

1. Dezember 2002, 21:09
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Beim italienischen Motorrollerhersteller stehen hunderte Kündigungen und Werksschließungen in Italien und Spanien bevor

Rom - Nicht nur die italienische Autogruppe Fiat steckt in einer tiefen Krise. Jetzt hat es auch Piaggio erwischt: Der legendäre Motorrollerproduzent stöhnt unter dem Druck eines starken Rückgangs bei Neuanmeldungen.

Der europäische Marktanteil des toskanischen Zweiradspezialisten ist nach Angaben der Gewerkschaften im Scooterbereich rückgängig. Zehn Prozent der 3200 Piaggio-Arbeitnehmer in Italien haben seit Jahresbeginn bereits das Unternehmen verlassen. Geplant ist, weitere 250 Personen dienstfrei zu setzen. Vorgesehen ist die Sperrung der Piaggio-Werke in Spanien und Indien, während eine Fabrikanlage in China verkauft werden muss, berichteten die Gewerkschaften.

Kündigungen jedes Jahr

"Piaggio will stark abbauen. 1996 war die Zahl der Belegschaft doppelt so hoch, jedes Jahr wird ein Teil des Personals gekündigt", sagte der Gewerkschaftssprecher Domenico Contino. Laut den Gewerkschaften ist Piaggio bis zu 65 Prozent seines Umsatzes verschuldet. Das Unternehmen, das 1987 die traditionsreiche österreichische Marke Puch von Steyr-Daimler-Puch übernahm, sei von einer strukturellen Krise bedroht, es seien keine innovativen Produkte mehr auf den Mark gebracht worden.

Die vom Unternehmen in die Wege geleitete Kapitalaufstockung von 100 Millionen Euro wurde als unzureichend bewertet, um den Konzern aus der schwierigen Lage zu retten. Die Gewerkschaften forderten nun den Einsatz der Regierung, um einen weiteren Stellenabbau nach Möglichkeit zu verhindern.

Seit dem Jahr 2000 ist die Motorrollernachfrage auf europäischer Ebene zurückgegangen. Die Aussichten für die nächsten Monate bleiben trüb. Zudem ist den Italienern seitens der großen japanischen Motorradhersteller in ihrem Kernsegment seit einigen Jahren massive Konkurrenz erwachsen. Das Unternehmen mit Sitz in der toskanischen Stadt Pontedera - Mehrheitseigner ist das Investmenthaus Morgan Grenfell - rechnet bis Jahresende mit einem allerdings nicht näher bezifferten Umsatzrückgang. Im vergangenen Jahr war noch ein Umsatz von 987 Mio. Euro erzielt worden.

Auch strategische Probleme

Auch strategische Probleme machen dem Produzenten des Kultrollers "Vespa" zu schaffen. Die geplante Ehe mit dem italienischen Motorradhersteller MV Augusta platzte im Juli, nachdem das grüne Licht der Banken zur Eindämmung der Verschuldung des Konzerns zu spät gekommen war. Damit verzögern sich auch die Pläne für eine italienische Zweiradunion, deren Ziel die vollständige Verschmelzung der Piaggio-Marken Bultaco, Cagiva, Derbi, Gilera, Husquarna, Piaggio, Puch und Vespa zu einem Großkonzern war - MV Augusta inklusive.

Die Arbeitnehmerverbände befürchten nun, dass die Jahresproduktion von Motorrollern unter die Schwelle von 300.000 Einheiten sinken könnte, was Dutzende von weiteren Arbeitsplätzen bedrohen würde. (APA, red, Der Standard, Printausgabe, 02.12.2002)

  • Vespa-Fahrer in Rom
    foto: cocco

    Vespa-Fahrer in Rom

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