Mittelständische Wirtschaft krank und brüchiger als erwartet

1. Dezember 2002, 21:58
4 Postings

Experte: "30 bis 40 Prozent" der KMUs bedrohlich "krank" - Neue Eigenkapitalrichtlinien zeigen Schwächen auf

Wien - Der heimische Mittelstand (KMU) ist krank und brüchiger als seine Fassade vermuten lassen würde. Hohe Fremdkapitalbelastung, unzureichende Nachfolgeplanung, mangelndes Controlling und Managementschwächen sieht die große internationale Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskanzlei Süd-Ost-Treuhand (SOT) als Krankheitsbild. Dazu seien diese Firmen oft mit hohen Abfertigungsbrocken oder einer generell "teuren" und "alten" Belegschaft belastet.

"30 bis 40 Prozent" der KMUs hält SOT-Experte Friedrich Spritzey demnach für bedrohlich "krank". Er meint, dass die neuen Eigenkapitalrichtlinien nach Basel II, die ab 2007 gelten sollen und Banken zu einer wesentlich risikoadäquateren Kreditvergabe zwingen, diese großen Mängel nun sichtbar machen werden. Da bestünde die Gefahr, dass dieses gute Drittel der KMUs aus dem Markt falle, sagt Spritzey.

20 Prozent der "Kranken" heilbar

Allerdings, so Spritzey, der sich seit 25 Jahren mit Restrukturierungen befasst, seien rund 20 Prozent der "Kranken" heilbar. Als prominente Beispiele aus seiner Tätigkeit nennt er Waagner-Biró und die Pengg-Gruppe. Entschuldung und Neustart via Ausgleich sind dabei kein "Misserfolg" einer Restrukturierung. Spritzey: "Auch dazu gehört ein gutes Drehbuch."

Klar ist allerdings, dass Sanierungen in Österreich hinter verschlossenen Türen laufen. Das Unternehmensreorganisationsgesetz (URG), das Ende der 90er-Jahre unter Justizminister Nikolaus Michalek etabliert wurde, um noch solvente Unternehmen in Schief- lage unter amtlicher Aufsicht zu restrukturieren und damit die hohe heimische Pleitenquote zu drücken, ist totes Recht geblieben. Spritzey: "Die Firma ist ja sofort tot, wenn eine Sanierung öffentlich wird. Die Lieferanten drehen ja sofort alles zu."

Als "Hausarzt" des Mittelstandes rät er den Firmen möglichst bald zu einem "Gesundheitscheck". Diese Bestandsaufnahme koste etwa 12.000 Euro, etwaige Restrukturierungsschritte werden dann auf Erfolgsbasis entlohnt. Sein Appell an schief liegende Firmen klingt zwar bekannt, wird aber, so scheint es, noch nicht gelebt: "Je früher, desto besser."(Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 02.12.2002)

Link

SOT

  • Artikelbild
    foto: photodisc
Share if you care.