"Big Brother" im Schwarzwald

2. Dezember 2002, 12:02
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Zwei Monate im Sommer und zwei Wochen im Winter sollte Berliner Familie wie Bauern anno 1902 leben - ARD zeigt das Ergebnis

Münstertal/Wien - August 1902: Kaiser Wilhelm II. bereitet sich in Berlin auf die Herbstparade der kaiserlichen Armee vor. In Russland fahren die ersten Züge der transsibirischen Eisenbahn. Im Münstertaler Schwarzwaldhaus hingegen wird die Suppe allmählich dünner, die Kuh runder und das Haushaltsgeld weniger.

Zwei Monate im Sommer und zwei Wochen im Winter wie Bauern anno 1902 sollte die Berliner Familie Boro leben, lautete die Vorgabe der ARD: Sie müssen sich selbst ernähren, haben Garten, Acker, drei Kühe, Ziegen, einen Hasen, ein Schwein und zehn Hühner. Die Zahnbürsten sind aus Schweineborsten, statt Frolic bekommt der Haushund Abfälle, im Freien steht ein Plumpsklo. Familie Boro: "Richtig cool hier."

Die Boros - das sind Ismail, Marianne und die Kinder Reya, Sera und Akay - gingen aus einem Casting mit 700 Bewerbern als Sieger hervor. Eine Art Zeitreise-Tagebuch dokumentiert ab kommenden Montag vier Folgen lang (2., 4., 6., 9. 12., jeweils 21.45 Uhr, ARD) ihre Erlebnisse.

Die auf den ersten Blick seltsam anmutende "Big Brother"-Version funktioniert in ihrer Kombination aus Realityfernsehen, Wissensvermittlung und Nostalgie. Die verwöhnten Großstädter lernen: Wie macht man Käse von Hand? Was versteht man unter Kartoffelfäule? Wer war der Erfinder des Einmachglases? Wie heißt der Erreger der Rindertuberkulose? Die Boros tragen Kleider wie vor 100 Jahren, grüßen einander mit "Hi!", und wenn sie am Abend erzählen, klingt es so wie damals im Container: "Das war ein Tag, an dem ich gesagt habe: ,Jetzt reicht's.' Ich habe nur noch geheult."

Nach nur einem Monat stecken die Jungbauern freilich in ernsten Schwierigkeiten: Ein Pilz hat die Kartoffelernte zerstört, nicht nur der Papa, auch die Kuh ist krank, der Frischkäse verdorben, das Karnickel tot, die Hühner legen keine Eier.

Am Ende die Ernüchterung: Anno 1902 stünden die Boros vor dem Ruin. Das Heu ist verfault, Nahrungsvorräte gehen zu Neige, Gewissensfragen tauchen auf: "Barney essen - nein, das könnt' ich nicht", sagt Ismail. Die Gattin pflichtet ihm bei: "Filet ist was Feines, aber wenn man das Schwein kennt . . ." Barney bleibt verschont, dafür müssen drei Hühner dran glauben. (Doris Priesching/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11./1.12 2002)

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    foto: der standard/ard
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