Neues Diagnoseverfahren bei Schleudertrauma

1. Dezember 2002, 12:00
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Ein virtueller Schmetterling und elektrische Muskelsignale führen zu einer Trefferquote von 90 Prozent

Ulm - Mit Hilfe eines virtuellen Schmetterlings lässt sich erstmals das Schleudertrauma der Halswirbelsäule sicher diagnostizieren. Unfallchirurgen der Universität Ulm und Computerspezialisten des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt haben dazu ein neues Verfahren entwickelt, das zugleich auch die Schwere der Verletzung zuverlässig einordnen kann.

Bisher waren Angaben der Patienten, Tastbefunde des Arztes sowie meist wenig aussagekräftige Röntgenuntersuchungen die einzigen Grundlagen, wenn über Therapien oder Schmerzensgeldforderungen entschieden werden musste. Nun kann die Diagnose erstmals mit Hilfe elektrischer Muskelsignale gesichert werden.

"Über einen Helm mit integriertem Monitor wird dem Patienten zum Beispiel der Flug eines Schmetterlings vorgeführt", berichtet Ulrich Bockholt vom Fraunhofer-Institut. Der Blickwinkel sei sehr eng, so dass der Patient den Kopf drehen müsse, um den Schmetterling verfolgen zu können.

Kopfbewegungen in Echtzeit und 3D

Über Sensoren im Helm werde nun ständig die exakte Kopfposition gemessen. Weitere Sensoren registrierten die Anspannung der Nackenmuskulatur, auch um eine Überdehnung zu verhindern. Der Computer zeichnet den Wissenschaftlern zufolge die Kopfbewegungen in Echtzeit und 3D auf und steuert den Flug des virtuellen Schmetterlings, um auszutesten, wie weit der Patient den Kopf drehen kann und wann die Muskeln Schmerzsignale abgeben.

Ziel sei es, die Funktionen der Muskulatur während bestimmter Bewegungen der Halswirbelsäule zu überprüfen. Der Rechner ermögliche den Vergleich der gewonnenen Daten mit denjenigen gesunder Testpersonen oder anderer Unfallopfer. So könnten Funktionsdefizite objektiv erkannt werden.

Hohe Trefferquote

Tests an Menschen mit chronischen Schmerzen sowie mit akuten Verletzungen zeigten den Forschern zufolge, dass sich auf diese Weise mit 90-prozentiger Sicherheit Patienten von gesunden Personen unterscheiden lassen. Eine ähnlich hohe Trefferquote werde mit keiner anderen Untersuchungsmethode erzielt.

Nicht zuletzt für die Versicherungen habe das Verfahren, das erstmals neurophysiologische Funktionen der Halswirbelsäule berücksichtige, enorme Bedeutung, betonen die Experten. Auch die häufig unbefriedigende Therapie des chronischen Schmerzsyndroms nach einem Schleudertrauma könne davon profitieren. Denn das neue System stütze sich auf objektiv messbare und vergleichbare Daten und nicht wie bisher auf die Erfahrung und den Tastsinn des behandelnden Arztes. (APA/AP)

  • Der Schmetterling in virtueller Version kann helfen, ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule sicher zu diagnostizieren.
    foto: photodisc

    Der Schmetterling in virtueller Version kann helfen, ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule sicher zu diagnostizieren.

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