"Nichts ist kulturfeindlicher als die Demut des Weibes"

17. Oktober 2005, 13:17
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Therese Schlesinger: Die sozialdemokratische Frauenrechtlerin zog als eine der ersten Frauen in den Nationalrat ein

"Die Mädchen müssen dazu erzogen werden (...) in der Ehe nicht nur Versorgung zu suchen, (...) sie müssen erzogen werden, um sich dem Manne gleichstehend zu fühlen, nötigenfalls um ihre Würde zu kämpfen (...) Sie müssen lernen, dass es nichts Kulturfeindlicheres gibt als die Demut des Weibes". Therese Schlesinger ging es vor allem darum, die traditionelle unterwürfige Rolle der Frau zu verwerfen und mit neuem Selbstbewusstsein die Mädchen in allen möglichen Berufen auszubilden.

Mütterliches Vorbild

Dabei stammte die geborene Therese Eckstein und spätere Sozialdemokratin aus einer jüdisch-bürgerlichen FabrikantInnenfamilie. Jedoch erhielt sie durch den frühen Tod ihres Vaters ein kraftvolles Beispiel in ihrer Mutter, welche die Leitung der Pergamentfabrik übernahm und die vielköpfige Familie allein ernährte. Dabei bekam Therese Schlesinger auch Einblick in die sozialen Missstände der Gesellschaft und auch ihr eigenes, mit Schicksalschlägen erschwertes Leben dürfte möglicherweise Anstoß für ihr Engagement gewesen sein.

Nach der Volks- und BürgerInnenschule erhielt sie Privatunterricht und besuchte die Universität. 1888 heiratete sie den Bankbeamten Viktor Schlesinger, mit dem sie eine Tochter - Anna (geboren 1890) - hatte. Bei deren Geburt hatte sie sich mit Rotlauf infiziert, was eine lebenslange Körperbehinderung nach sich zog. Ein Jahr später starb ihr Mann an Tuberkulose. Tochter Anna quälte sich lange mit Depressionen, bis sie sich 30-jährig das Leben nahm.

Mitglied des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins

In dieser Zeit enormer physischer als auch psychischer Belastungen fand Therese Schlesinger wirksame Unterstützung bei ihren Freundinnen Marie Lang und Auguste Fickert. Durch sie kam sie zur bürgerlichen Frauenbewegung und wurde 1894 Mitglied im Allgemeinen Österreichischen Frauenverein.

Eingefleischte Sozialdemokratin

1896 kam sie auf der "Enquete zur Lage der Wiener Arbeiterinnen" mit Adelheid Popp, Anna Boschek, Viktor Adler und Engelbert Pernerstorfer in Kontakt und wurde daraufhin publizistisch tätig. Beispielweise forderte sie in der "Volksstimme" die Zulassung der Frauen zum Hochschulstudium, einen verbesserten Arbeitsschutz für Frauen und natürlich das Wahlrecht. Bereits ein Jahr später, 1897, wurde sie Parteimitglied der SozialdemokratInnen, was von den GenossInnen kritisch beäugt wurde: "Da sie aus der bürgerlichen Frauenbewegung zu uns kam, wurde ihr anfangs sogar etwas Misstrauen entgegengebracht", gestand Anna Boschek. Diese kritische Einstellung verblasste bald. Sie profilierte sich sowohl als Rednerin als auch als Redakteurin der "Volksstimme", der "Arbeiter-Zeitung", der "Unzufriedenen" u.a.. 1901 war sie Mitbegründerin des "Vereins sozialdemokratischer Frauen und Mädchen".

Frauenwahlrechtslied

"Ihr Männer, stehet uns zur Seite.
Heraus, wer Sozialist sich nennt!
Wir helfen Euch in eurem Streite,
Wenn er auch noch so heiß entbrennt.
Nun müsst Ihr eure Hilf' uns leih'n,
Soll uns der Preis gewonnen sein!
(aus Anlass des Ersten Frauentages am 19. März 1911 unter dem Vorsitz von Therese Schlesinger)

In den Jahren 1907 bis 1932 wurde Schlesinger beinahe zu allen Parteitagen delegiert. Neben dem Frauenwahlrecht, der Mädchenbildung und dem verstärkten Mutterschutz setzte sie sich für die Einrichtung von Zentralküchen und -wäschereien mit Personal ein, um erwerbstätige Frauen zu entlasten. 1919 wurde sie Mitglied des Parteivorstands und von 1923 bis 1930 war sie als Bundesrätin tätig. Als 1926 das "Linzer Programm" der Sozialdemokratischen Partei formuliert wurde, war es Therese Schlesinger, welche in progressiver Art die frauenrelevanten Punkte aufstellte.

1939 emigrierte sie nach Paris. Therese Schlesinger starb am 5. Juni 1940 in Blois/Frankreich. (dagmar buchta)

Geboren 1863 in Wien
Gestorben 1940 in Blois/Frankreich
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    Die Sozialdemokratin gehörte dem Allgemeinen Österreichischen Frauenverein an.
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    1926 formulierte Therese Schlesinger die "Frauenfrage" des "Linzer Programms".
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    Anna Boschek, Therese Schlesinger und Adelheid Popp (v.l.n.r.)
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