Zwei Tage zur Entspannung, drei Wochen zur Heilung

3. Dezember 2002, 10:47
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Wellness, sagen die Kuristen, ist ein hart an der Grenze der Irreführung balancierender Marketinggag. Aber wo, entgegnen die Wellnessians. Warum nicht ein paar Tage lang etwas für body and soul tun?

Es gibt Kuristen. Und es gibt Touristiker. Und zwischen beiden erstreckt sich ein Graben, den manche "Streit" nennen, "manche "Differenz" und manche, wie Rudolf Luipersbeck, eine "fruchtbare Debatte". Und wer die Kuristen und die Touristiker an einem Ort beobachten möchte, fährt am besten ins südburgenländische Bad Tatzmannsdorf, wo Rudolf Luipersbeck der Marketingchef der Kurbad AG ist, über die der Regen der europäischen Ziel-1-Förderung als magisches Wachstumsmittel herabgerieselt ist, weshalb der Marketingchef sich vor allem einmal über die Wachstumsrichtung klar werden wollte.

Es geht im klassischen Kurort Bad Tatzmannsdorf um "Wellness", und das ist, sagt Rudolf Luipersbeck gleich einmal, "natürlich ein verwaschener Begriff". 1998 schon habe er auf einer Sitzung der Österreich Werbung Klarheit eingefordert. Es ginge, meinte er, um Inhalte und Kompetenzen. Der unterm Dach der Wellness zusammengefasste "Gesundheitstourismus", der sich 1998 bloß als Silhouette am Horizont abgezeichnet hat, brauche genauso "eine Kompetenz-Unterfütterung" wie der klassische Kurbetrieb. Die Tatzmannsdorfer Kompetenz-Unterfütterung in Sachen klassischer Kur trägt den Namen "Ludwig-Boltzmann-Institut", mittlerweile die einzige einschlägige Forschungsstelle für Kurfolgen in Österreich, weil, wie Rudolf Luipersbeck sagt, "die anderen wegen Reichtums geschlossen wurden".

Dem Leiter des Boltzmann-Instituts, dem Wiener Universitätsprofessor Wolfgang Marktl, ist die inflationäre Verwendung des Begriffs "Wellness" ein Dorn im Auge. Damit werde nämlich etwas Gesundheitsrelevantes suggeriert, das nie und nimmer einer nüchternen wissenschaftlichen Analyse standhalten könne. Selbst hier im Ort erkenne er solche Tendenzen. So werde die von ihm vorgenommene Analyse des Thermalwassers für die neu errichtete öffentliche "Burgenland-Therme" für Werbezwecke verwendet, obwohl die in öffentlichen Bädern notwendige chemische Behandlung des Wassers naturgemäß die ursprüngliche chemische Analyse des Wassers hinfällig werden lasse. Im Vorwort des von Marktl und anderen herausgegebenen Buches "Die Bad Tatzmannsdorfer Kur", das ausdrücklich Rudolf Luipersbeck gewidmet wurde, warnen die Autoren eindringlich vor unbedachter Vermanschung. Man müsse darauf bestehen, dass Kur Kur sei.

"Dies erscheint in einer Zeit, in der auch in manchen Heilbädern und Kurorten der Kurbegriff an Wert verliert und zum Teil durch wesentlich schlechter definierte Angebote unter ,Wellness' etc. ersetzt wird, von besonderer Bedeutung." Kur sei, sagt Wolfgang Marktl - und wer nachfragt, wird mit einschlägigen Forschungsergebnissen konfrontiert -, in der Hauptsache ein Faktor von Zeit.

"Zumindest drei Wochen" müsse sie dauern, "dann stellen sich auch entsprechende Effekte ein." Überraschende zum Teil. So sind Wolfgang Marktl und sein Team draufgekommen, dass bei den Tatzmannsdorfer Kurgästen, den klassischen, der Cholesterinspiegel deutlich - und nachhaltig - sinke, obwohl eine entsprechende Diät überhaupt nicht vorgesehen sei.

Noch fehle die wissenschaftliche Erklärung dafür, Marktls vorläufige Hypothese: "Ein großer Teil ist wahrscheinlich der Erholungseffekt." Genau dieser Erholungseffekt aber fehle den auf wenige Tage beschränkten Wellnessangeboten.

Auf der Homepage der Kurbad AG ist dies freilich ausdrücklich vermerkt. "Drei Wochen heilen", liest man dort, "zwei Wochen lindern." Und bei den Angeboten für zwei Tage steht das Wort "Entspannen" dabei.

Diese "Entspannung" soll allerdings, geht es nach Rudolf Luipersbeck, nunmehr mit ganz konkreten Inhalten gefüllt werden. "Thermalwasser hat ja bald jeder Zimmervermieter", es gehe um konkrete, wissenschaftlich nachvollziehbare Angebote. In Bad Tatzmannsdorf gibt es seit kurzem die Möglichkeit, in der "Lauf- und Walking Arena" das "Nordic Walking" zu erlernen. Dieses Angebot umfasst auch die Mitarbeit von Sportwissenschaftern, die zum Beispiel gezielt "Laufen lehren". Bad Tatzmannsdorf setzt deshalb auch auf Ausbildungskooperationen. Neue Berufsbilder entstehen, der "Gesundheitsbetreuer" etwa.

Von dieser "Kompetenz-Unterfütterung" erwartet sich Rudolf Luipersbeck nicht nur eine schärfere Grenzziehung zwischen klassischer Kur und neuer Wellness, sondern auch die Chance des Touristikers, auf neue Bedürfnisse schnell zu reagieren. Das Bad Tatzmannsdorfer "Boltzmann-Institut" arbeitet zurzeit an einer europaweit laufenden Studie über das Burnout-Syndrom, eine der "Krankheiten der Zukunft", auf die Bad Tatz- mannsdorf eine touristische Antwort geben will. Sowohl als Kurort als auch als Wellness-Destination. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2002)

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