An ihrem Lärm genest die Welt

18. August 2003, 11:48
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Zu einer illustrierten "History" der von Legenden umwobenen Marshall- Gitarrenverstärker

In der Legende besucht Jimi Hendrix in London seine Idole von den Cream, steigt ein und spielt Clapton von der Bühne. Und das alles vor einer Wand von Marshall-Amps.


Die Geschichte endet im Wohnzimmer vor dem Plattenspieler mit einer Versammlung von ratlosen Gesichtern. Was ist das: "Smashing Of The Amps"? Wer heute den rituellen Frühlingsspaziergang seines Lebens so zwischen 16 und 36 unternimmt - die Jugend ist wie alles andere auch länger, mühsamer, abstrakter, kommerzieller geworden -, hört nicht mehr die Osterglocken, er hört Sounds, die Mitte der 60er Jahre entsprangen und seither durch die Kanäle der Massenmedien alle Bereiche des Alltags beträufeln. Der Fallschirmjäger Jimi Hendrix im Zigeunergwandl mit seiner Strat vor einer Wand von Marshalls - "das sieht aus wie zusammengehängte Kühlschränke", sagte er -, klang dem Heranwachsenden der 60er vertrauter als die Stimme von Vater und Mutter. Die rituellen Massenvereinigungen verlagerten sich von der Kirche und dem Wirtshaus vor die Bühnen-, Hifi- oder Disco-Lautsprecher.

Jim Marshall war ein englischer Werkzeugmacher, Schulabbrecher und Teilzeit-Drummer, er spielte mit Pete Townshends Vater Cliff in einer Big Band und unterrichtete Mitch Mitchell, den ersten Trommler der Jimi Hendrix Experience. Marshall bastelte Verstärker und Lautsprecherboxen für Bassisten, die von den Gitarristen und deren Verstärkern ausgedämpft wurden. Sein Gerät klang mit Gitarren viel besser, also blieb er dabei. Marshalls erster Wurf, der JTM 45 (45 Watt), etablierte das Röhren aus den Röhren als die Stimme des Rock and Roll. Der "Bluesbreaker" (ein Combo-Amp, den Clapton auf einer "John Mayalls Bluesbreaker"-LP verwendete) setzte Marshalls Bastelstube den Heiligenschein auf, ohne den in diesem Business kein kommerzieller Erfolg zu erzielen ist. Townsend und seine Who, die Small Faces, die Tremeloes und alle anderen bestellten bei Marshall, der mehr für die Übermalung des Weltklangbildes getan hat als alle Komponisten des 20. Jahrhunderts miteinander.

Die Rock-Avantgarde der 60er verwendete das Überlebensutensil hilfloser Bigband-Bassisten als Medium, um ihren Gitarren die sinnliche Qualität zu verleihen, die seither die Freizeit-Kommunikation dominiert. Der Diskurs wurde vermasst, stereotypisiert und doch wirkt er direkter, aufregender, authentischer als das Gespräch am Familientisch. Seit aus dem Radio die Gitarren scheppern, reden die Leute anders miteinander. Marshall feiert dieser Tage den 40. Geschäftsgeburtstag, zur Feier hat er eine limitierte Auflage des "Bluesbreakers" herausgebracht, die von der Autofirma Jaguar in weißes Leder gehüllt wurde. Eine klare Aufforderung zum Hineindreschen, und zwar in den Verstärker, in die Gitarre sowieso. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2002)

Von Johann Skocek
  • Michael DoyleThe History of Marshall (Hal Leonard Corporation)
    foto: hal leonard corporation

    Michael Doyle
    The History of Marshall
    (Hal Leonard Corporation)

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