Von Clarissa Stadler

5. Dezember 2002, 13:10
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Ein Blick auf den Wecker. Schon neun Uhr. N. betrachtet träge den Tag, in den er gleich hineingleiten wird: Um zehn hat er sich den ersten Termin eingetragen. Eine viertelstündige Verspätung würde nicht tragisch sein. Man kennt sich. Mittags dann ein halbdienstliches Treffen im Kaffeehaus. Nicht unangenehm. Mit ein bisschen Glück könnte man vorher die Tageszeitungen durchforsten. Vorsprung durch Information. Die weitere Tagesplanung würde sich dann automatisch ergeben.

Aber wie kommt es, dass es jetzt schon 9.15 Uhr ist? N. ist schon öfters aufgefallen, dass die Minuten morgens bis zu dreimal so schnell dahinrasen wie zum Beispiel nachmittags, wo sie klebrig dahintropfen. Um in die Gänge zu kommen, legt N. französische Filmmusik ein. Eddie Mitchell wird diesem Morgen die gute Laune geben, die N. bis jetzt vermisst. Unter der Dusche erinnert sich N. plötzlich an den Traum, der ihn offensichtlich die Stunde zwischen acht und neun gekostet hat. Grüne Holzkleiderbügel waren im Spiel. N. hält sein Gesicht unter den Duschkopf.

Während andere Menschen symbolisch wertvolle Träume haben, in denen sie über Abgründe balancieren, an seidenen Fäden hängen oder filmreif zu ertrinken drohen, reicht es bei ihm nur bis zu grünen Kleiderbügeln. N. findet das symptomatisch und überlegt, während er sich in das Frotteetuch einwickelt, mit wem er über dieses Manko sprechen könnte. Aus der Küche riecht es streng. Die Espressokanne spuckt den Kaffe auf die Herdplatte, wo er in Form von tanzenden Kügelchen verkohlt. Der Rest ist eine bittere Angelegenheit, der zu der Tatsache passt, dass es jetzt bereits 9.45 Uhr ist. N. wird klar, dass er in keinem Fall pünktlich sein würde, und beginnt sich zu entspannen. N. kennt diese magische Schwelle. Den irrationalen Moment, in dem er, anstatt sich zu beeilen, seine Bewegungen verlangsamt, weil es jetzt sowieso egal ist. Auch darüber würde er gerne einmal mit jemandem sprechen.(DER STANDARD/rondo/29/11/02)

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    foto: c.s.
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