"Bowling for Columbine": Gewehre für zufriedene Bankkunden

23. Juli 2004, 15:05
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Der US-Amerikaner Verrücktheit (nach Waffen) widmet sich der Doku-Satiriker Michael Moore in "Bowling for Columbine"

Amerika heute: "Sind wir verrückt nach Waffen - oder sind wir einfach nur verrückt?", fragt der Dokumentarist und Satiriker Michael Moore in seinem jüngsten Film "Bowling for Columbine". Und will sich dabei mit gängigen Gewalterklärungen nicht abspeisen lassen.


Wien - Am Anfang steht wie immer die Frage: Wie nähert man sich einem Thema, das gemeinhin als brisant gilt, ohne missverstanden zu werden? Wo beginnt man, wenn besagtes Thema unzählige soziale, politische und mediale Querverbindungen schafft? Wenn man also Gefahr läuft, den Wald vor lauter Bäumen aus den Augen zu verlieren, schlicht inkompetent und unglaubwürdig zu werden?

Der US-Dokumentarist und Autor Michael Moore tut in diesem Fall, was die alte Binsenweisheit vorschreibt: Er kehrt zuerst vor der eigenen Tür. Dort haben sich - sei's nun in den Spielzeugwaffenlagern der Kindheit oder im Suburbia der näheren Nachbarschaft - genug Merk- und Denkwürdigkeiten angehäuft. Eine der ersten Szenen von Bowling for Columbine ist also etwas, das man als verkehrten Bankraub bezeichnen könnte. Ein Mann (Moore selbst) betritt quasi mit Geld den Kassaraum: Er will ein Konto eröffnen. Das Geldinstitut bedankt sich mit einem tollen Werbegeschenk: Mit einem Gewehr unterm Arm tritt der Erzähler hinaus ins Freie. Ein Witz?

Laut gelacht werden darf auch über einen Auftritt des Stand-up-Komikers und Filmstars Chris Rock, den Moore mit einem Auftritt zitiert. Er sagt: Das Problem mit den zu leicht verfügbaren Schusswaffen wäre weniger groß, wenn zumindest die Munition (zu) teuer wäre: Eine Kugel um 5000 Dollar - da würde, so Chris Rock, wohl mancher Aggressor zum Konjunktiv gezwungen: "Ich würde Sie jetzt erschießen, wenn ich es mir leisten könnte."

Und zwischen diesen beiden Polen pendelt in weiterer Folge der gesamte Film: Hier ein US-Alltag, hart am Rande zur Selbstparodie, in dem größte Ungeheuerlichkeiten und auch Gewaltbereitschaften selbstverständlich scheinen. Dort Fiktionen und Erzählungen aus der Popkultur, denen oft vorgeworfen wird, sie würden politisch unkorrekt die Gewalt schüren, obwohl sie doch meist nichts weniger als hellsichtig sind.

Typen und "Deppen"

Littleton, ein kleiner, geradezu schmerzvoll normaler Ort in Colorado: Mit einem unbeirrbaren Blick fürs Nahe- und Nächstgelegene reißt Moore dort ein ganzes Netzwerk von Geschichte und Geschichten auf. Da wäre etwa Littleton als Schauplatz jenes Highschool-Massakers vom 20. April 1999, bei dem zwei Jugendliche zwölf Kameraden und einen Lehrer töteten und andere schwer verletzten.

Da wäre weiters Littleton als typisches Biotop für "coole Typen, die irgendwann vor Ort Versicherungsvertreter werden", und "Klassendeppen", die international Karriere machen: So stellt es der Cartoonist Matt Stone dar, der aus dieser schmerzvollen Realität heraus die umstrittene TV-Serie South Park kreierte. Und sich dafür den Vorwurf gefallen lassen muss, Jugendliche zu verderben.

Im Kreuzfeuer der reaktionären Kritik steht auch der Rockstar Marilyn Manson, den Michael Moore im Vorfeld eines Auftritts in Denver, Colorado, interviewt. Seine Musik hätten die Amokschützen besonders gerne gehört, heißt es. "Was würden Sie jetzt also den Schülern in Littleton sagen?", fragt Moore. Manson darauf: "Ich würde ihnen gar nichts sagen. Ich würde ihnen zuhören. Das hat man bis jetzt verabsäumt." Bowling for Columbine hält solchen Versäumnissen einen Willen zum Dialog entgegen, der nicht einmal die verschrobensten Gegenüber denunziert.

Fröhliche Hobbysöldner nicht, die in irgendwelchen Wäldern Nachtgeländespiele veranstalten. Einen Verkäufer von Sicherungsanlagen für Einfamilienhäusern nicht, der bei der Erinnerung an das Massaker zu weinen beginnt. Ja, selbst der Biofarmer Terry Nichols, einst ein intimer Freund des Oklahoma-Bombers Timothy McVeigh, kann über den möglichen Sturz tyrannischer Regimes parlieren. Und er decouvriert sich bestenfalls selbst, wenn er darauf besteht, Moore die geladene Pistole unter seinem Kopfpolster zu zeigen.

Besuch bei Heston

Und Moore interessiert dabei nie das Allgemeine. Versessen auf konkrete Details und Lebensbedingungen, nimmt er alles persönlich. Terry Nichols sei auf einer Nachbarschule in Michigan quasi sein Jahrgangskamerad gewesen, sagt er einmal. Mit dem Waffenschein aus seiner Jugend schafft er sich Eintritt in die Villa des für die National Rifle Association pausenlos tätigen Altstars Charlton Heston: Das Interview scheitert ziemlich unspektakulär, aber höchst bezeichnend an einer Borniertheit, die an Dummheit grenzt.

Stupid White Men heißt übrigens Moores Pamphlet, das im US-Buchhandel die Bestsellerlisten stürmte und nun auch in deutscher Übersetzung (bei Piper) erhältlich ist: "Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush", die vom Verlag leider nur als "Satire" vermarktet wird. Obwohl: "Satire" - das ist laut Wörterbuch "Ausdruck einer historisch und gesellschaftlich geprägten kritischen Einstellung", und ihr Ziel ist "Einsicht in die Lächerlichkeit, Kritikwürdigkeit oder gar Gefährlichkeit der geschilderten Sachverhalte."

Dieses Ziel verfolgt Moore auch in Bowling for Columbine mit all der grobschlächtigen Eleganz, die auch sein äußeres Erscheinungsbild kennzeichnet: Punkhymnen prallen auf Fundstücke aus dem US-Fernsehen, der Filmemacher benimmt sich manchmal wie ein Elefant im Porzellanladen. Andererseits: In dem Porzellanladen, den Moore da betritt, ist schon so viel zu Bruch gegangen, dass ein oder zwei weitere Beschädigungen nicht wirklich ins Gewicht fallen. Insofern reiht sich der Film ein in eine lange ätzende Tradition, in der man als seine Vorgänger die Romane eines Kurt Vonnegut (Slaughterhouse 5) ebenso nennen darf wie Stand-up-Komiker vom Range eines Lenny Bruce oder Andy Kaufman.

Was übrigens nicht zuletzt auch junge Kinobesucher begeistern dürfte: Bestellungen von Schul-Sondervorführungen sind also beim Wiener Verleih Filmladen unter Tel. (01)5234362-11 möglich. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2002)

  • Gewehr als Werbegeschenk für eine Kontoeröffnung: Michael Moore vor einer Bankfiliale
    foto: filmladen

    Gewehr als Werbegeschenk für eine Kontoeröffnung: Michael Moore vor einer Bankfiliale

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