Beginn von 100 Jahren Konflikt

20. Oktober 2003, 12:35
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Bulgarien erlangte 1908 seine volle Unabhängigkeit als Königreich. Durch die Balkankriege 1912/13 geriet es in Konflikte mit allen seinen Nachbarn.

Die europäischen Großmächte, vor allem Österreich-Ungarn und Großbritannien, hatten den bulgarischen Traum von San Stefano zerstört. Sie wollten nicht eine solche Machtausdehnung eines vermeintlichen Satelliten Russlands. Nicht nur dass Slawisch-Makedonien weiter dem Sultan überlassen blieb, dachte man sich auch für das Gebiet an der Maritza eine Lösung aus, die künftige Konflikte geradezu heraufbeschwören musste. Ostrumelien - so nannte man das Gebilde nach einer alten türkischen Provinzbezeichnung, "Rumeli", Römerland - sollte eine Provinz des Osmanischen Reiches mit administrativer Autonomie bleiben; sein Generalgouverneur sollte ein Christ sein. Im neu erstandenen, kleinen Bulgarien, wo Alexander von Battenberg zum Fürsten gewählt worden war, drängten nationale Kreise von Anfang an auf die Erweiterung des Staates auf alle von Bulgaren bewohnten Gebiete. So wurde Bulgarien zu einem Zentrum der Agitation mit dem Ziel von Aufständen in Makedonien und Ostrumelien. Den Russen passte das nicht mehr in ihre Politik, und Bismarck hintertrieb, um sie nicht zu verärgern, die geplante Heirat Battenbergs mit der preußischen Prinzessin Viktoria. Am 6. September 1885 wurde der ostrumelische Generalgouverneur Gavril Pascha durch einen vom Volk getragenen Putsch der Milizoffiziere gestürzt. Eine neu gebildete Regierung proklamierte die sofortige Vereinigung mit Bulgarien. Alexander von Battenberg erhielt ein Telegramm, das ihn als Fürsten anerkannte. Er nahm an und traf bereits am 9. September in Plovdiv/Philippopel ein.

Österreich-Ungarn wollte verhindern, dass die Bewegung auf Makedonien übergriff. Es stärkte Serbien den Rücken, das damals einen Bündnisvertrag mit Österreich hatte und offen gegen die Vereinigung auftrat. England hingegen trat für den Zusammenschluss ein, weil es in Battenberg, der das Vertrauen Petersburgs verloren hatte, einen möglichen neuen Verbündeten sah. Russlands ablehnende Haltung hingegen ermunterte Serbiens König Milan Obrenovic zum Eingreifen. Nachdem er sich der politischen und finanziellen Unterstützung Österreichs versichert hatte, erklärte er am 13. November 1885 dem Nachbarland den Krieg.

In Serbien hatten sich panslawistische Kreise Hoffnungen gemacht, dass ihr Land bei der Vereinigung der Balkanslawen eine Rolle spielen könnte wie Piemont für Italien. Da die bulgarischen Truppen an der türkischen Grenze konzentriert waren, glaubten die serbischen Machthaber leichtes Spiel zu haben. Doch die Kriegserklärung löste in Bulgarien eine Welle der nationalen Empörung aus. Überall bildeten sich Freiwilligenverbände. Im Rücken der serbischen Truppen begannen Partisanen zu operieren. Trotzdem gelang es den Serben vorerst, bis zwanzig Kilometer vor Sofia vorzurücken. Am 22. November aber kam es bei Slivniza zur entscheidenden Schlacht. Nach drei Tagen waren die Serben geschlagen, und schon rückten die Bulgaren gegen Nis vor, König Milan befand sich auf der Flucht - da drohte Österreich-Ungarn mit dem Einsatz seiner Armee, wenn sich die Bulgaren nicht aus serbischem Gebiet zurückzögen. Nach einem Waffenstillstand wurde 1886 im Frieden von Bukarest von gegenseitigen Gebietsforderungen Abstand genommen; die Türkei anerkannte die Vereinigung Bulgariens mit Ostrumelien.

Die Russen ließen Alexander von Battenberg im August 1886 durch Verschwörer stürzen. (Als Mountbatten wurde ein späterer Battenberg Prinzgemahl von Elisabeth II.). Als Regent konnte sich jedoch sein Anhänger Stephan Stambulov trotz aller russischen Umtriebe behaupten. Zwar verhinderte Russland noch, dass der von der Sobranje (dem Parlament) gewählte Prinz Waldemar von Dänemark neuer Fürst wurde, doch die Empörung im Land war so groß, dass erneut gegen den Willen Petersburgs Prinz Ferdinand von Koburg-Gotha gewählt wurde.

Während die einander abwechselnden Regierungen Bulgariens darin schwankten, ob sie sich eher bei den Mittelmächten oder bei Russland abstützen sollten, waren sie sich darin einig, dass Makedonien und Thrakien von der türkischen Herrschaft zu befreien seien. Obwohl damals das Gros der Makedonier (auch in den türkischen Volkszählungen) als Bulgaren galten, trat die Innere Makedonische Revolutionäre Organisation (IMRO) zunehmend für eine Autonomie des ethnisch zersplitterten Makedonien ein. Das in Bulgarien gebildete Zentralkomitee für Makedonien und Thrakien hingegen war für den Anschluss. Am Eliastag, dem 2. August 1903, begann in Makedonien der von der IMRO organisierte "Ilinden"-Aufstand, Thrakien folgte zwei Wochen später. Die türkischen Truppen schlugen die Erhebung brutal nieder. Bulgarien sah sich nicht ausreichend gerüstet, um einzugreifen.

Der Sturz der Obrenovic hatte 1903 das Nahverhältnis Serbiens zu Österreich zerstört. Wien setzte nun auf Bulgarien und ermächtigte Ferdinand zum Bruch des Berliner Vertrags: Am 22. September 1908 erklärte er sich zum Zaren der Bulgaren und das Land zum nunmehr völlig vom Sultan unabhängigen Königreich. Am Tag darauf verwandelte Österreich-Ungarn die Okkupation von Bosnien-Herzegowina in eine Annexion.

In Mürzsteg hatten Zar Nikolaus II. und Kaiser Franz Joseph 1903 vereinbart, sich beim Sultan für Reformen in Makedonien einzusetzen. Inzwischen hatte Russland in Ostasien 1905 seine Schlappe gegen Japan erlitten und suchte nun im Ausgleich seine Einflusssphäre auf dem Balkan zu vergrößern. Es versöhnte Serbien mit Bulgarien, und diese schlossen sich mit Montenegro und Griechenland zum Balkanbund zusammen. Im Herbst 1912 waren die Staaten so weit gerüstet, dass ein Angriff auf die Türkei erfolgversprechend schien. Der Erste Balkankrieg begann. König Ferdinand, vom Ehrgeiz getrieben, Konstantinopel zu erobern, begnügte sich nicht mit der Einnahme von Adrianopel/Edirne und musste hinnehmen, dass sein Angriff auf die Türken in Thrakien ins Stocken geriet. Serben und Griechen bemächtigten sich Makedoniens. Schließlich hatte das Drängen der westlichen Großmächte auf einen Waffenstillstand Erfolg. Im Londoner Präliminarfrieden vom 17. Mai 1913 trat die Türkei das gesamte Gebiet westlich der Linie Enos-Midia und die ägäischen Inseln an die Verbündeten ab.

Sogleich entstanden bei der Verteilung der Beute schwerste Spannungen zwischen den bisher Verbündeten. Kernstück des Konflikts war Makedonien, auf das Bulgaren, Serben und Griechen gleichermaßen Anspruch erhoben. Obwohl Serbien vor dem Krieg Bulgarien einen Großteil Makedoniens als "unstreitig" zugestanden und nur für die Region Skopje/Üsküb einen Schiedsspruch Russlands verlangt hatte, wollte es nun seine Truppen auch nicht aus Ochrid und Bitola/Monastir, Städte, mit denen die Bulgaren ihre mittelalterliche Größe und Kultur verbanden, zurückziehen. Griechenland wieder wollte sich für Saloniki ein möglichst weit nach Norden reichendes Hinterland schaffen. Zar Ferdinand fühlte sich stark genug, den Konflikt mit Waffengewalt zu lösen. So begann am 16. Juni 1913 der Zweite Balkankrieg; Bulgarien hatte seine früheren Verbündeten, dazu noch Rumänien und die Türkei als Feinde. Während sich die Bulgaren gegen die serbischen und griechischen Truppen erfolgreich schlugen, drangen die Rumänen in Nordbulgarien ein, und die Türken eroberten Adrianopel zurück. Bulgarien musste nun in einen Frieden einwilligen, der ihm nahezu ganz Makedonien vorenthielt, der Türkei Ostthrakien zurückgab und die Süddobrudscha mit dem Donauhafen Silistra Rumänien zusprach. Die Enttäuschung über diesen Kriegsausgang und der Wunsch nach dessen Revision sollten die Außenpolitik Bulgariens in den nächsten Jahrzehnten bestimmen. (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 11. 2002)

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