"Blood Work": Alter Jäger, junges Herz

23. Juli 2004, 16:13
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Clint Eastwood variiert in seinem Polizeithriller "Blood Work" sein Image als alternder Einzelgänger und erweist sich erneut als solider Handwerker

Wien – Der Einstieg ist vertraut, eine Standardsituation des Polizeithrillers: ein Tatort, die kryptische Zahlenreihe eines Serienmörders, die sich an den ermittelnden Cop Terry McCaleb (Clint Eastwood) richtet. Dass Verbrecher zum Tatort zurückkehren, ist eine weitere Gewissheit: So jagt McCaleb plötzlich einem Schaulustigen hinterher, bis er zusammenbricht, nicht ohne noch einen Schuss abzugeben: Herzinfarkt.

Eastwood, einer der letzten "Professionals" des Hollywoodkinos, hat die Redewendung "in Würde altern" zu einem Bestandteil seiner fiktiven Darstellungen gemacht. Ob der Schweinefarmer in Unforgiven, der Leibwächter mit Atemnot von In the Line of Fire oder zuletzt einer der Senior-Astronauten in Space Cowboys: Körperliche Alterserscheinungen verschweigen sie nicht schamvoll, sondern stellen sie trotzig zur Schau.

In seinem neuen Film Blood Work – seiner 23. Regiearbeit – muss er sich nun einer Herztransplantation unterziehen, regelmäßig seine Ärztin (Anjelica Huston) aufsuchen, und obwohl er sich blendend hält, sagt ihm jeder ständig, er sehe ziemlich krank aus. Besorgt um ihn sind die meisten, weil es ihn nicht lange im Ruhestand hält: Er verdankt sein neues Herz einer Frau, die ermordet wurde. Deren Schwester, eine Latina (Wanda De Jesús), beauftragt ihn, den Täter aufzuspüren.

Das Drehbuch von Brian Helgeland (L. A. Confidential, aber auch A Knight's Tale) macht gewiss zu exzessiv Gebrauch von dieser "Herzensangelegenheit" – die Pumpe wird nämlich zur sinnträchtigen Metapher. Aber wie schon in anderen kleineren Genrearbeiten Eastwoods (Absolute Power) ist weniger die Fabel, also der Fall, entscheidend als die (inszenatorische) Haltung, mit der er gelöst wird.

Dialog und Donuts

Eastwood versteht sich als Storyteller im konservativen Sinn, er beharrt auf der ökonomischsten Lösung einer Szene, die er um kleine Details bereichert. Nicht nur wird an sich nebensächlichen Momenten durch Dialogwitz und Donuts-Verzehr eine eigene Note verliehen; auch wird die Figur des Cops zum gewandten Instinktwesen mit Traditionsbewusstsein stilisiert, der immer noch das Festnetz benützt oder auch notfalls zur Pumpgun greift.

"Dirty" Harry Callahan hat so in McCaleb einen sanfteren, selbstironischen Nachfolger gefunden, der sogar seinen Hausbootnachbarn (Jeff Daniels, ähnlich dumm wie in Dumb and Dumber) neben sich toleriert. Dennoch ist die Moral nach wie vor von großer Bedeutung, was man schon daran sieht, dass die Ausforschung des Täters die Phase der Rekonvaleszenz beeinträchtigt.

Lebendig, vernetzt mit den Dingen, sagt McCaleb jedoch einmal, fühle er sich nur, während er seiner Arbeit nachgeht. Blood Work beschreibt denn auch einen Kreislauf, in dem Held und Bösewicht wie durch eine Arterie verbunden sind, einander wechselseitig bedürfen.

In gemäßigtem Tempo, beinahe unter Verzicht auf Actioneinlagen, verdichten sich die Indizien, dass der Mord an der Herzspenderin weitaus kompliziertere (und auch konstruiertere) Hintergründe hat als anfangs angenommen. Doch selbst diese Entwicklung hindert McCaleb nicht, mit der gleichen Gelassenheit weiterzumachen. Er weiß, dass er den Fall sogar mit Fieber lösen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.11.2002)

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    foto: warner
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