Canetti im nassen englischen Wind

8. August 2003, 21:41
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Die 50. Unglaubwürdige Reise

1948 brach ich, bis heute unglaublich und glaubwürdig, nach England auf, wo meine Schwester und die Schwester meiner Mutter zehn Jahre zuvor - unfreiwillige Reisende, doch für immer freiwillige Engländer - gelandet waren. Von Paddington Station drang der Rauch der Lokomotiven zu uns, in unserer einzigen englischen Silvesternacht pfiffen sie herauf. Das Glück reichte leicht, das Geld nicht. Auntie, wie unsere Tante seit dem März 1938 von uns genannt wurde, brachte mich in einer Knopffabrik unter.

Ich höre noch die Rufe von Jane, Joan und June, als "Vernon", "Jack" und "Emmy" - drei hässliche Porzellanknöpfe: Jeder erzeugte Knopf trug einen Namen - auf den Holzboden der Knopffabrik rollten und dort rascher als erwartet unverwechselbar wurden. "Couldn't care less", erklärte Joan, hob sie auf und warf sie in den Korb zurück, aus dem ich sie nehmen und, obwohl ich nie nähen lernen wollte, auf ein Kissen nähen sollte.

"Perfect", erklärte Mr. Salzer, der Leiter der Werkstatt, am nächsten Morgen. Er konnte nicht wissen, dass alle Knöpfe unsere "Auntie" wieder angenäht hatte, wobei es niemandem von uns in der nächtlichen Beratung über Paddington Station gelungen war, die ursprünglichen Namen und die strenge Reihenfolge auf dem Kissen wiederherzustellen. Die Knöpfe waren dort festgemacht, wo sie nicht hingehörten, dem Tag war geholfen. Am Abend stieß wieder Erich Fried in die winzige Wohnung meiner Schwester vor, mit dem kleinen Hansi auf der Schulter, der die partielle Lähmung von ihm geerbt hatte. Dazu kamen noch die Freunde Jim und Dori mit den Kindern André und René und die "Ladies", zwei Schneiderinnen, die Winterkleider lieferten. René war barfuß, seine Nase tropfte. René wurde später schizophren, André wurde Physiker in Oxford.

Ruth, die Tochter meiner Schwester, ging in Notting Hill zur Schule. "Just for a moment I thought, you were mummy", sagte sie, als ich sie abholte, und warf ihr dunkles Haar zurück.

Wir gingen zu Auntie, in Golders Green, mit ihren vielen Katzen, im Viertel, wo damals auch noch Canetti lebte, der öfters auftauchte, aus dem nassen Wind heraus, der durch die Holztüren pfiff: Ruths Stirnfransen brachte das in Gefahr, aber die Glaubwürdigkeit nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2002)

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