G'riss um die "Betriebssparbücher"

1. Juli 2004, 11:19
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Unter den neun Mitarbeitervorsorgekassen ist ein Wettstreit um Kunden und Konditionen ausgebrochen

Darf eine Mitarbeitervorsorgekasse (MVK) als seriös gelten, wenn sie eine Zinsgarantie gibt, obwohl an den Börsen Hochschaubahn-Verhältnisse herrschen? Eine erschöpfende Antwort darauf ergab auch der STANDARD-Rundruf nicht. Zumindest ein Institut, die zum Raiffeisen-Imperium gehörende ÖVK-MVK gibt eine Verzinsungsgarantie - und irritiert damit alle anderen Anbieter. Die Konkurrenz wittert prompt Fallen und rät, das Klein- und vor allem Kleinstgedruckte zu studieren, ehe die Unterschrift unter den Eintrittsvertrag gesetzt wird.

Rein rechnerisch funktioniert die von der ÖVK garantierte dreiprozentige Verzinsung folgendermaßen: Von hundert eingezahlten Euro werden nur rund 97 Euro veranlagt, weil vorher 2,9 Prozent als Kosten für die laufende Verwaltung abgezogen werden. Dieses Geld, das sich über die Jahre vermehrt, wird allerdings im Fall des Falles nicht zur Gänze, sondern erst nach Abzug von jährlich 0,7 Prozent für Veranlagung ausbezahlt.

Theoretische Garantie

Der Haken: Die Dreijahres-Dreiprozentgarantie ist im Prinzip nur eine theoretische, denn in den ersten drei Jahren hat der Arbeitnehmer - wie beim alten Abfertigungssystem - kein Recht, das eingezahlte Geld herauszunehmen. Wie hoch die Zinsgarantie im vierten Jahr, also ab 2006, ist, steht allerdings in den Sternen (siehe Tabelle). So viel wirft ein gebundenes Sparbuch übrigens auch ab.

ÖVK-MVK-Chef Nicolaus Hagleitner sieht das naturgemäß weder als Schwach- oder Sollbruchstelle noch als Marketing-Gag, im Gegenteil: "Es ist wie bei einer Versicherung. Ein einziger Schaden genügt und sie zahlt sich aus." Schließlich garantiere man auch in Jahren einen fixen Ertrag, in denen die Anleihemärkte eine Nullperformance hinlegten. "Und das kostet eben." Die 2,9 Prozent gehen etwa für die Bildung von Rücklagen und den erhöhten Aufwand im Portfoliomanagement ("Es reicht nicht, einen Investmentfonds zu kaufen") auf. Das Management der Renten macht die ÖVK selbst, die Aktien die Raiffeisen KAG.

Gefahrenquelle "sonstige Verwaltungskosten"

Ferdinand Kernbauer von der Victoria-Volksbanken-MVK wittert in den "sonstigen Verwaltungskosten" überhaupt die große Falle. Denn deren Höhe muss laut Gesetz von der MVK nicht quantifiziert werden. So können Barauslagen wie Depot-, Depotbank-, Transaktions- und Depotfremdmanagementgebühren gehörig am Nettoertrag knabbern. Auch in ÖGB und Arbeiterkammer rät man dringend, das Kleingedruckte genau zu lesen, könnte der Punkt Barauslagen für die MVK doch als "Kostenfindungsrecht" dienen.

Als "auf 20 Jahre durchgerechnet billiger als das Mittelfeld" bezeichnet Leo Sklenicka von der Bawag-Allianz-MVK sein Angebot. Damit könne man im Konditionenwettstreit sicher punkten. Die Depotgebühren seien zugunsten der Transparenz gefallen. Eine Zinsgarantie könne man seriöserweise nicht geben. Bis Ende 2003 will Sklenicka 80.000 bis 90.000 Anwartschaften in der Kasse haben, wobei große Hoffnungen auf Bawag-Mehrheitsaktionär ÖGB liegen.

"Wollen niemanden schädigen"

Auf Kontinuität setzt Christian Böhm von der APK-Pensionskasse, der gleichzeitig die neue APK-MVK managt. Er denkt zwar nicht in Marktanteilen, hofft aber auf industrielle Großkunden, wie sie in der Staatsholding ÖIAG versammelt sind. Wenn Saisonbetriebe aus dem Tourismus nicht zur APK kommen, kränkt ihn das nicht, denn "wir wollen niemanden schädigen durch neue Kunden". Saisonniers, Lehrlinge und Neueinstellungen würden die langfristige Veranlagung beeinträchtigen, glaubt er. Deshalb bevorzuge man Unternehmen, die einen einigermaßen pfleglichen Umgang mit ihrer Belegschaft haben, also eine geringe Fluktuation. Selbiges gilt auch für die Siemens-MVK und die Bonusvorsorge von Generali und Zürich.

Die Bauarbeiter-MVK Buak wiederum ist eben auf diese spezialisiert, sie hat langjährige Erfahrung mit Saisonarbeitslosen und kennt die Beschäftigungsverläufe der 120.000 Bauarbeiter aus dem Effeff. Rainer Griessl rechnet jährlich mit 6000er-Sprüngen beim Neueintritt und hofft auf die Bauangestellten.

Endgültig passé ist indes die von der Regierung postulierte Sechs-Prozent-Rendite. Im Gegenteil, diese sei selbst dann nicht erreichbar, wenn das Vermögen 40 Jahre unangetastet bleibt. Mehr als vier bis fünf Prozent seien nicht drinnen.

Gerüchte, Hausbanken und Versicherungen übten auf ihre Kunden großen Druck in Richtung einer bestimmten MVK aus, wurden unisono zurückgewiesen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 21.11.2002)

Von Luise Ungerboeck
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